Zu Besuch bei…VELOHELD

Frisch war es am Dienstagmorgen, als ich Ljómi schnappte und zur S-Bahn stiefelte. Die erste Fernzugfahrt im Jahr 2018 stand für mich an und ich bereute bereits nach wenigen Minuten, dass ich nicht mit meinem Brompton zum Hauptbahnhof geradelt war.

Die Luft in der S-Bahn war stickig und es war viel zu warm. Menschen drängten sich aneinander, wirkten gestresst und müde. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen, tuckerte die Stadtbahn im Stop-and-Go-Modus und brauchte für zwei Stationen doppelt so lang wie normalerweise. Notarzteinsatz. Auch die Ringbahn war von Verspätungen betroffen, denn die hatte ihren eigenen Notfall. Egal. Ich hatte Glück, denn sie fuhr zumindest, da ich mich spontan entschieden hatte, am Bahnhof Südkreuz in den EC zu hüpfen. Zu groß war die Gefahr, dass ich ihn am Hauptbahnhof knapp verpasste. Die nächsten 110 Minuten verbrachte ich dann entspannt in dem ungarischen Zug mit deutschem Fahrradabteil, las in der aktuellen fahrstil “Damenrad” und die Zeit verging wie im Fluge. Zwischendurch schreckte ich bei einem Blick aus dem Fenster jedoch auf.

Winter is here!

In Sachsen lag immer wieder Schnee! Dort war es um ein paar Grad kühler und es hatte in der Nacht zuvor ordentlich Frost gegeben. Die Aufregung stieg. Würde ich dem Fahrrad bei meiner bevorstehenden Testfahrt gleich einen Härtetest unterziehen?

Dresden, Neustadt. Ich griff nach Ljómi und stieg aus dem Zug. Der Bahnhof war wunderschön. Die riesige Eingangshalle mit den großen Rundbogenfenstern, Säulen und hell getönten Wänden zwangen mich dazu, kurz stehen zu bleiben und sie zu bestaunen. Als ich dann den Bahnhof verließ, spürte ich beim Starten des Navis wie schnell meine Finger kalt wurden. Frisch war es in Dresden. -6 °C. Doch bei herrlichem Sonnenschein freute ich mich auf die kurze, etwa 4,5 km lange Fahrt in die Äußere Neustadt. Denn dort in einem großen Industriegebiet lag etwas versteckt der Showroom einer kleinen, aber feinen Dresdener Fahrradmarke: Willkommen bei veloheld!

Warum ich da nun gelandet war, könnt ihr in meinem Blogpost über das Gravelbike nachlesen. Denn nachdem ich per Mail Kontakt mit den Dresdnern aufgenommen hatte, wollte ich mein favorisiertes Fahrrad auch endlich Probe fahren. In Berlin war das gerade nicht möglich, also warum nicht eine kleine Reise weiter in den Osten Deutschlands wagen? Von Berlin aus war das quasi ein Katzensprung.

@veloheld in Dresden. Whoop whoop. . . #Fahrrad #bicycle #cycling #dresden

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Velohelds Showroom

Hinter dem letzten Tor eines langgestreckten Flachbaus befand sich die Heimat der kleinen Firma. Dort werden wunderschöne Stahlräder individuell zusammengebaut. Eine kleine Klingel mit Namensschild neben der Tür, die in einer Art Garagentor eingelassenen war, und der große Schriftzug in den oberen Fenstern ließen daran keinen Zweifel. Ich musste nicht lange warten bis Geschäftsführer Carsten mir die Tür öffnete und mich freundlich begrüßte. Ein Schritt hindurch und schon stand ich mitten im Showroom. Und der hatte auch sofort meine Aufmerksamkeit oder eher sein Inhalt! Die zahlreichen, verschiedenen Räder waren hier gekonnt in Szene gesetzt. Thematisch sortiert waren sie teilweise auf Holzpodesten angeordnet oder standen nebeneinander aufgereiht auf dem dunklen Fliesenboden – ein schöner Kontrast zu der Holzbalkenkonstruktion an der Decke. Hinter dem Showroom befindet sich direkt das Büro, indem die velohelden-Crew sitzt und arbeitet.

Carsten erzählte mir ein wenig über die Marke, über ihre Mitarbeiter und das Besondere ihrer Räder. Seit 2007 existiert das Unternehmen, welches aus Begeisterung fürs Radfahren gegründet wurde und dessen Name jemanden beschreibt,…

“(..) der sich durch den täglichen Großstadtdschungel “schlängelt”, in seiner Freizeit unentdeckte Gebiete “erradelt” oder an Wochenenden als Radsportler um “Ruhm und Ehre” kämpft.” (veloheld)

Ein veloheld eben.

Und das Besondere der Marke?

So einzigartig, wie die Räder hier aufgebaut werden, kann man das sonst nur im Eigenaufbau eines Rahmensets schaffen. Genau die kann man hier neben den Kompletträdern auch bei nahezu jedem Modell erwerben. Wer keine Lust aufs selbst Basteln oder einfach nicht das nötige Wissen dazu hat, muss dennoch nicht auf die Wunschkonfiguration verzichten. Nicht nur die Rahmenfarbe kann individuell bestimmt werden, auch die einzelnen Teile lassen sich nach Absprache bestellen und am Wunschmodell anbringen. Dabei ist die Auswahlmöglichkeit im Online-Shop an sich schon sehr gut. Bei meinem Favoriten, dem veloheld .iconX kann zwischen drei verschiedenen Schaltgruppen, verschiedenen Anbauteilen, zwei Gabelarten und drei Dekorfarben gewählt werden. Alle Räder werden in Dresden pulverbeschichtet und in der Werkstatt aufgebaut.

Mich überfordert ja schon der Gedanke, aus der riesigen RAL-Farbtabelle eine Wunschfarbe wählen zu müssen!

Test-Ride! Das veloheld .iconX

Nun hieß es aber erst einmal rauf aufs Rad: Ein iconX-Wunschaufbau von Veloheld-Kundenbetreuer Daniel mit 1×11-er Rival Schaltung und Crossreifen in Rahmengröße M war mein Testobjekt. Die Crosser/Graveller sind heiß begehrt. Wer sich jetzt ein iconX bestellt, wird das Rad vermutlich erst im Mai 2018 erhalten. Selbst im Showroom steht nur noch ein Rahmen in Größe L. Umso dankbarer war ich also, dass ich Daniels Rad ausführen durfte. Und dabei hatte ich ordentlich Spaß! Praktischerweise liegt der Showroom von veloheld nämlich an den Ausläufern der Dresdener Heide. Für mich bedeutete das: Rauf aufs Rad, über den Parkplatz gerollt und rein ins Vergnügen!

Und wie fährt sich das veloheld .iconX jetzt?

Zwei Worte fallen mir zuerst ein: Sportlich und agil! Sobald die richtige Sattelhöhe für mich gefunden war, spürte ich beim Aufsteigen, dass ich recht gestreckt da saß. Für meinen Geschmack fast schon ein wenig zu sehr. Schließlich plante ich, viele Stunden am Stück auf diesem Rad zu verbringen und das schien mir mit diesem Aufbau nicht möglich zu sein. Aber ich wurde beruhigt: Der Vorbau war relativ lang gewählt und dies war nicht der Standardaufbau. Das durfte ich nicht vergessen, machte es aber schwer, richtig einzuschätzen, ob der Graveller zu mir passen würde oder nicht. Für diese Ausfahrt jedoch war die gewählte Konfiguration sonst ziemlich gut. Es war mehr als ein Crossbike als ein Gravelbike aufgebaut, was definitiv auch den Wetterverhältnissen in Dresden geschuldet sein dürfte.

Im Wald konnte ich die Stärken dieses Crossers auf jeden Fall voll auskosten. Ich lernte schnell die Vorzüge der stark profilierten Stollenreifen kennen, die mich nicht im Stich ließen, als ich bergauf und bergab auch mal die ein oder andere tiefe, sandige Furche auf dem Waldboden überwinden musste. Die kräftigen Scheibenbremsen taten ihr übriges und gaben mir ein sicheres Gefühl. Die Kälte war schnell vergessen, als ich immer tiefer in den Wald hinein fuhr und sie brachte definitiv einen großen Vorteil mit sich: Viele Abschnitte, die ich befahren habe, wären bei wärmeren Temperaturen ziemlich matschig gewesen. So war der Boden jedoch fest und ermöglichte mir auch, ab und zu die Geschwindigkeit zu erhöhen. Ich kam aus dem Grinsen nicht mehr raus.

Über schmale Wege, Wurzeln und gefrorenes Laub, über feste Sandwege und vereisten Matsch führte mich meine Fahrt. Ich hatte Lust immer weiter zu fahren, die Gegend zu erkunden und das Fahrrad richtig auf den Prüfstand zu stellen. Doch ich musste irgendwann den Rückweg antreten. Mit kalten, roten Wangen und einem deutlichen Hochgefühl radelte ich schließlich den schmalen Pfad entlang zurück und begann bereits von meinem eigenen veloheld .iconX zu träumen.

Fazit

Ich war noch etwas unsicher, weil ich nicht 100%-ig testen konnte, ob das Fahrrad wirklich für meine Zwecke (Langstreckenfahrten, Tourenoption) geeignet und bequem genug war. Doch ich bin optimistisch, dass ein paar Anpassungen das gewünschte Ergebnis erzielen werden.

Und nun? Kaufen oder nicht?

Der Preis des Komplettrades aus Stahl mit Stahlgabel und SRAM Apex 1×11 liegt bei 1899 €. Wunschfarbe (+100 €), Carbongabel, andere Anbauteile und Schaltung kosten natürlich extra. Da geht der Preis schnell über die 2000 €. Es ist viel Geld, aber ein tolles Fahrrad einer lokalen Marke ist das definitiv wert. Ob es die Positionierung der kleinen Logos und des Schriftzuges ist oder die Möglichkeit sein Rad zu aufbauen zu lassen, wie gewünscht – Liebe zum Detail steckt in allen Fahrrädern von veloheld.

Das Gewicht liegt bei einem Aufbau mit einer hochwertigen Schaltgruppe beim Komplettrad bei nur knapp über 9 kg. Der Aufbau, den ich im Kopf habe (Shimano 105er, Nabendynamo, Beleuchtung, Pizzarack), wird es wohl auf die 11,5 kg bringen, was ich mehr als in Ordnung finde.

Auf der Suche nach Empfehlungen

Ich bin mir bei einigen Anbauteilen unsicher, welche ich wählen soll:

  1. Die Reifen: Zur Wahl stehen aktuell die Panaracer Gravel King SK mit Skinwall, WTB Byway oder Horizon Plus. Standardmäßig gäbe es die Schwalbe G-One. Mir sind Reifen wichtig, die sich auch gut und schnell auf Asphalt fahren, aber eben bei unruhigem Terrain nicht gleich aufgeben. Tubeless ready sollten sie sein. Welche Breite findet ihr da angenehm?
  2. Der Dynamo: Da gehen die Geister sicher auseinander, ob man den braucht oder nicht, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich es da gern praktisch habe. Ich habe einen Cylcle 2 Charge an meinem Tourenrad und würde den gern weiter nutzen wollen. SON wäre das Optimum, aber leider mit dazugehörigen Strahlern deutlich zu teuer für mich aktuell. Was haltet ihr vom Shutter Precision? Ich habe besonders zur Haltbarkeit sehr unterschiedliche Sachen gehört. Das Gewicht und der Wirkungsgrad scheinen mir aber sehr gut zu sein. Oder lieber mehr sparen?
  3. Der Gepäckträger: Ich möchte zum ersten Mal einen vorderen haben – ein Pizzarack zum Beispiel von Pelago mit der Möglichkeit auch Front Roller Taschen anzubringen. Größe M oder L? Nutzt ihr sowas?

Ich freue mich sehr über Feedback hier oder in den Facebook-Kommentaren!

Auf der Suche nach dem Gravelbike – Versuch einer Definition

Auf der Suche nach dem Gravelbike bin ich seit Anfang des Jahres tatsächlich ernsthaft. Denn ich bin schon längst darüber hinweg zu glauben, dass ein Fahrrad allein alle Nutzungszwecke abdecken kann. Eigentlich wäre das auch zu schade, wenn es so ein Allrounder-Rad geben würde. Zu schade, weil es so viele wunderschöne, verschiedene Fahrräder und Fahrradtypen gibt. Außerdem machen sich die Zweiräder auch äußerst dekorativ in der Wohnung. Da geht schon mal eins mehr.

N+1 also, die altbekannte Formel der Anzahl an Fahrrädern, die Mann oder Frau so haben kann. Ich frage mich, ob es hierzu auch eine weitere Formel gibt, die berechnet, in welchem Zeitraum sich die Anzahl potenziert? Ein wenig Sorge macht mir das schon, wenn ich überlege, dass gerade letztes Jahr schon zwei weitere Schönheiten bei mir eingezogen sind und ich nun bereits am Jahresanfang weitere Fahrradgelüste verspüre. Selbst in einer großen Wohnung ist der Platz irgendwann limitiert. Doch so oder so, da ich mich von keinem der vorhandenen Räder trennen möchte, kommt wohl noch im Frühjahr ein weiteres dazu. Denn ich möchte ein halbwegs geländetaugliches Langstreckenrad, neudeutsch Graveller oder auch All Road Bike.

Een Graveller? Watt is denn dit schon wieda?

Egal ob Marketingtrend der Industrie (ich denke, darüber sind wir schon lange hinaus) oder nicht, das Gravelbike wird immer beliebter und viele große und kleine Fahrradmarken haben bereits derartige Modelle im Sortiment, um mit dem Trend zu gehen. Aber was genau soll das eigentlich? Ist das nicht genau das gleiche, wie ein Crossrad/Querfeldeinrad oder Cyclocrosser? Die gibt es doch schon ewig!

Nun ja, ich gebe zu, die Einordnung macht mir auch gern mal Kopfzerbrechen. Der Pressedienst Fahrrad hat das ganz schön erklärt:

Cyclocross

Die Räder sind so konzipiert, dass sie es mit Matsch und Hindernissen aufnehmen können. Die Sitzposition ist ähnlich sportlich-aggressiv wie am Rennrad. Steuer- und Sitzrohr haben aber einen steileren Winkel und auch das Tretlager ist höher als bei einem Straßenflitzer. So geraten die Pedale nicht so schnell in Bodenkontakt. Zudem verfügen Cyclocrosser über einen größeren Reifendurchlass, damit Matsch und Schlamm nicht stecken bleiben. (…)

Die Reifenbreite für Cross-Rennen ist durch den Internationalen Radsportverband UCI genau definiert: Maximal 33 Millimeter breit dürfen sie sein.
 
Demnach sind Cyclocrosser sportliche, fürs Gelände optimierte Rennräder mit deutlichen Einflüssen vom Mountainbike. Sie sind besonders im Querfeldein-(Renn-)einsatz beliebt. Das Reifenprofil ist oftmals gröber, aber der Reifen an sich wird nicht zu breit (zumindest beim Wettkampfeinsatz). Die Limitierung geschieht natürlich auch über den Gabeldurchlass.
Gravel
Dem gegenüber wird das Gravelbike gestellt, dessen Namen sich aus dem englischen Wort für Schotter oder Kies ergibt. Also doch auch ein Crosser? Jein. Im Vergleich zum Cyclocrosser orientiert sich das All Road Bike oder Road Plus Bike, wie es auch gern genannt wird, zwar ebenfalls am Rennrad und verfügt über einen Rennlenker und eine sportliche Sitzposition. Man sitzt aber selten so gestreckt, wie auf einem Renner. Die Geometrie ist deutlich komfortabler und macht so auch Langstreckenfahrten reizvoll und angenehm. Scheibenbremsen gehören mittlerweile zum Standard und robuste Steckachsen werden immer beliebter (wie beim Mountainbike). Der größte Unterschied zum Beispiel auch zum Endurancebike, welches ein auf Langstreckenfahrten ausgelegtes Rennrad ist, scheint aber die Reifenbreite zu sein.
 
Laut pd-f:
 
Gravel-Racer ermöglichen hingegen meist die Aufnahme von noch breiteren Reifen und können durchaus auch sehr sportliche Sitzpositionen aufweisen. Zwischen den einzelnen Gattungen der Räder mit Rennlenker verwaschen die Grenzen zusehends.
Genau dieser letzte Satz trifft des Pudels Kern: Definitionen hin oder her. Sicher kann der Profi anhand der Geometrie ablesen, ob das Fahrrad eher sportlicher oder komfortabler gebaut ist. Doch am Ende hat die individuelle Konfiguration einen großen Einfluss darauf, wie sich das Rad fährt und für welchen Einsatz es genutzt werden kann. Es gibt ein paar Merkmale der einzelnen Fahrradgattungen, doch immer klar abgrenzen, lassen sie sich nicht.
Die All Road Bikes werden teilweise sogar zum sportlichen Reiserad aufgebaut und passen mit ihrer Vielseitigkeit perfekt zum Bikepackingtrend, bei dem die Fahrräder nur mit Rahmentaschen, aber allgemein mit wenig Gepäck gefahren werden. Besonders Kurztrips sind somit leicht und unproblematisch zu vollziehen. Dazu hat der Gunnar letztes Jahr ein sehr schönes, kompaktes Büchlein (“Rad und Raus”) veröffentlicht, das es auch in meine Weihnachtsgeschenktipps geschafft hat.
Je nach Konfiguration und Reifenbreite kann das Gravelbike ganz unterschiedlich genutzt werden und genau das finde ich so spannend daran. Also doch ein Allrounder-Rad?
Aber nein, falten kann man es noch nicht…
 

Brauche ich das wirklich?

Nun, wenn ich mir diese Frage so genau stellen würde, hätte ich vermutlich nur ein Fahrrad und würde sehr viele Kompromisse eingehen müssen. Aber es würde mir sehr viel Spaß am Radfahren nehmen. Mein ursprünglich als Reiserad genutztes Cube Touringbike “Jameson” steht mittlerweile sehr viel herum, seit mein Brompton eingezogen ist. Es ist zum Stadtrad und Packesel geworden. Das hat einen einfachen Grund: Auch nach einigen Konfigurationsveränderungen kann ich keine langen Touren mehr damit machen. Der Rahmen ist einfach zu klein und ich habe immer wieder Rückenschmerzen oder gar Knieprobleme. In den letzten drei Jahren habe ich mich viel mit Fahrrädern beschäftigt und bin nach wie vor kein Technik-Pro. Aber dennoch habe ich ein anderes Auge für Fahrräder bekommen und meine Präferenzen haben sich verändert.

Ich möchte ein Zweirad haben, das wendig und sportlich ist und dennoch komfortabel genug, damit ich auch länger damit unterwegs sein kann. Mein Brommie kann zwar eine ganze Menge, aber es fühlt sich auch ganz anders an und im Gelände ist irgendwann Schluss mit lustig: Here we go, gravelbike!

Die Qual der Wahl

Wo ich bei der nächsten Schwierigkeit angekommen bin: Die der Entscheidungsfindung! Eigentlich ist alles ganz klar. Ich habe bereits diverse Vergleiche gezogen, zahlreiche Marken unter die Lupe genommen, versucht, Geometriedaten zu verstehen und Erfahrungsberichte gelesen. Allein aufgrund der Optik sind bestimmte Räder schon ausgeschlossen (Ja, das ist ein essentieller Punkt! Schließlich werden wir viel Zeit miteinander verbringen und ich möchte das Rad auch gern anschauen!). Außerdem flog alles raus, was nicht aus Stahl ist. Denn Stahlräder haben für mich einen ganz besonderen Charme und sie gefallen mir optisch meist besser, abgesehen von deren Fahrverhalten. Nun habe ich mich bereits auf ein paar Marken beschränkt und bin einige davon probegefahren. Ob Genesis Croix de Fer, Marin Four Corners oder Salsa Vaya, die Auswahl ist groß. Auch einige Bombtrack Modelle wirken reizvoll auf mich.

Ich hatte von vorneherein bereits bei meiner Online-Recherche das Salsa Vaya favorsiert. Leider waren Salsa Räder gar nicht so einfach zu bekommen in Deutschland. Der Händler meiner Wahl in Berlin für die Testfahrten war “The Gentle Jaunt” in Friedrichshain. Ganz auf Outdoorabenteuer und Reisen mit dem Rad spezialisiert hat der Goldsprint-Berlin Ableger eine feine Auswahl der Cross-, Gravel und Reiseräder im Sortiment. Und ein Käffchen kann man nach dem Test-Ride dort auch noch schlürfen. Die Beratung war sehr gut, fachlich kompetent und hilfreich. Leider war das Salsa Vaya, das ich bei meinem ersten Besuch fuhr, zu groß für mich, doch ich hatte Glück: Ein Rad in meiner Größe war noch vorrätig. Zwei Wochen später, nachdem es für mich aufgebaut worden war, saß ich wieder auf einem Salsa und hätte es am liebsten gleich mitgenommen. Wo ich bei den nächsten Punkten gelandet wäre:

Was kostet der Spaß?

Erstens wollte ich unbedingt noch ein anderes Rad ausprobieren, zweites ist so ein Gravelbike mit hochwertiger Ausstattung eine ordentliche Investition. Man könnte jetzt einwerfen, dass das auch für Reise- und Rennräder gilt. Jaaaaa, das stimmt schon. Dennoch die meisten der oben genannten Marken fangen bei 1300 € an und sind nach oben hin in der Preisgestaltung flexibel. Nur Marin liegt mit dem Nicasio unter 1000 €. Im Schnitt kosten die Räder jedoch um die 1800 € – 2000 €. Das ist schon ein ordentlicher Batzen Schotter (wie passend beim Gravelbike…haha). Wie bereits erwähnt sind Scheibenbremsen üblich geworden, besonders als hydraulische Variante. Auch die hochwertigen, vermehrt verbauten Einfach- bzw. Zweifach-Schaltgruppen haben wohl einen großen Anteil an der Preisgestaltung. Sram Rival und Shimano 105 liegen da ganz vorn, sind aber trotz Mittelpreissegmentzugehörigkeit nicht unbedingt erschwinglich. All das summiert sich am Ende. Dabei sind eventuell benötigte Lichter und der optionale Gepäckträger natürlich noch dazuzurechnen. Ich denke über die Installation eines Pizzaracks nach, um effizient nötiges Gepäck transportieren und auf einen Gepäckträger hinten verzichten zu können. Dazu sollen Rahmentaschen kommen.

Edit 09.02.2018; 12.45 Uhr

Das Gewicht

Das Gewicht spielt natürlich auch eine Rolle! Dabei haben die verbauten Teile (Schaltgruppe, Laufräder etc.), wie auch bei jedem anderen Rad, neben dem Rahmen natürlich einen großen Einfluss. Je leichter desto teurer ist da leider meist die Devise. Ich hätte gern ein Rad was maximal 12,5 kg wiegt. Inklusive Pizzarack, optionalem Nabendynamo und Beleuchtung. Damit wäre das Salsa Vaya schon raus, aber für dieses Rad würde ich vermutlich auch noch nach oben gehen. Denn am wichtigsten ist immer noch, das die Geometrie passt. Am Gewicht kann man immer noch später sparen.

So,und nun? Ich habe beschlossen, noch einen heißen Favoriten ins Rennen zu nehmen und bin nach Dresden gefahren… Doch dazu mehr im bald folgenden Blogpost!

Habt ihr dazu Anmerkungen oder Ergänzungen? Dann immer her damit in den Kommentaren!

Das erste Mal…beim Sechstagerennen in Berlin!

“Bist du dabei?”, fragte Wiebke mittags am letzten Sonntag im Januar 2018.  Sie wollte gegen 14:15 Uhr am Velodrom sein. Gut, das war spontan und ich so gar nicht ausgehfein, aber Lust hatte ich schon.

Zunächst versuchte ich jedoch weiterhin die verdammt festsitzende Kurbel von meinem roten Renner abzuziehen. Mit ein wenig freundlicher Unterstützung und der Klimmzugstange (die nun endlich mal wieder benutzt wurde) gelang das schließlich auch. Nach erfolgreicher Operation huschte ich unter die Dusche, um danach schnell in meine Sachen und aufs Rad zu hüpfen.

Geräusche

Ca. 14:16 Uhr hatte ich Jameson an ein Geländer vor dem Eingang des Veldodroms gebunden. Er war dort in allerbester Gesellschaft. Schon die Vielzahl neben ihm angeschlossener, teilweise sehr hochwertiger Räder verdeutlichte, das hier einige Radfreunde anwesend waren. Meine Aufregung stieg. In den überwarmen Foyer angekommen, verkündete Wiebke freudenstrahlend, dass wir nun doch noch Plätze in der “Zum Glück Berliner”-Lounge in der Mitte der Rennbahn bekommen hatten. Das klang schon mal vielversprechend! Neugierig bahnten wir uns den Weg durch die Gänge, vorbei an den verschiedenen Rängen, entlang der Fressbuden und Werbestände. Eine Treppe runter, eine Treppe wieder hoch und schon waren wir eingehüllt von dem Geruch nach Zuckerwatte, den Gedudel und Stimmengewirr aus den Lautsprechern und dem Rauschen der beständig jubelnden und murmelnden Menschen auf den Rängen. Willkommen beim Berliner Sechstagerennen, die Berlin Six Days!

Familiensonntag

Das Velodrom und seine große Halle konnte bis zu 12.000 Pax fassen und ist ein beliebter Veranstaltungsort für große Konzerte. Nun gut, die Musik, die ich an diesem Sonntag beim 107. Berliner Sechstagerennen hörte, war doch…ähm gewöhnungsbedürftig für meinen Geschmack und ich musste das ein oder andere Mal hart schlucken, um nicht schreiend aus der Halle zu rennen. Aber hey, es war Familiensonntag, es sollte für alle etwas dabei sein. Dementsprechend musste ich auch den ein oder anderen Schlager aus der Büchse ertragen. Für mich war also musikalisch nicht wirklich etwas dabei. Toll fand ich jedoch, dass es diesen Tag für Familien gab, diese auch vergünstigt Eintritt erhielten und die Rennen daher tagsüber ausgetragen wurden. Im Gegensatz zu den restlichen fünf Tagen, wo die Wettkämpfe um 17 Uhr erst begannen, waren sie am Sonntag um diese Uhrzeit schon vorbei.

Mitten drin statt nur dabei

Zum Glück konnte ich mich sehr schnell auf das Geschehen auf der Bahn konzentrieren. Ich hatte keine Ahnung, was da genau passierte. Ja, da fuhren RadsportlerInnen ihre Runden, es ging um Schnelligkeit, um Geschick und Ausdauer, aber was genau machte dieses Motorrad auf einer Radrennbahn? Ich hatte auf Bildern und in kurzen Videos bereits gesehen, wie eine Radsportbahn bei den Six Days aufgebaut war, doch in echt wirkte sie noch viel größer und an einigen Stellen extrem in Schräglage. Wahnsinn, dass die Sportler darauf fahren konnten! Die können das und ich würde vermutlich umkippen…

Mir wurde wieder einmal klar, wie wenig bis gar keine Ahnung ich von Radsport hatte. Aber egal, Wiebke und die Atmosphäre in der Halle rissen mich schnell mit. So erfuhr ich wer z.B. Reinhardt und Thiele waren, Downey und English und vor allem Team Nater. Während die Teams zusammen kämpften, sprintete Nate Koch allein. Immer ein Lächeln auf den Lippen, zog er seine Bahnen und ließ in den Aufwärmrunden kaum eine Gelegenheit aus, herumzublödeln und sich zur Musik zu bewegen. Der Helm mit dem aufgeklebten bunten Iro passte dazu perfekt. Der Profisportler aus Kalifornien war das lebende Klischee eines amerikanischen Sonnyboys und sorgte immer für Unterhaltung. Auf dem Siegerpodest stand er nicht so häufig, dafür aber sein deutscher Buddy Maximilian Levy, der im Sprint einen Sieg nach dem anderen einfuhr.

Was genau machen die da eigentlich?

Soweit so gut, da gab es natürlich noch einige Namen mehr, doch während ich mich noch an diese gewöhnte, versuchte ich gleichzeitig die unterschiedlichen Disziplinen zu verstehen. Warum genau fahren die da jetzt 40 Runden im Kreis in Zweier-Teams und einer von beiden radelt gemütlich auf dem oberen Teil der Bahn, während sein Kollege sich weiter unten abarbeitet? Fasziniert sah ich dann kurz darauf das erste Mal eine Ablösung, wie effektiv sich die beiden Teammitglieder unterstützten und abwechselnd mit dem Schleudergriff anschuben. Dass sie dabei mitten im Fahrerfeld weiterfahren konnten und nicht umfielen, bewunderte ich sehr. Die Art des Rennens nennt sich Madison (oder Américaine) nach dem ersten Austragungsort eines derartigen Bahnrennens: Dem New Yorker Madison Square Garden (Danke Wiki!). Womit ich dann auch beim Motorrad bin, was eigentlich ein Derny ist (heute hauptsächlich Elektromotorräder). Dieses wird nicht nur in eigenen rundenreichen Derny-Rennen durchgängig als Schrittmacher und Windschattenspender für die einzelnen Radsportler eingesetzt (sogenannte Steher, von engl. to stay; weil die Rennen so lang und die Radsportler so ausdauernd sind), sondern einer auch zu Beginn beim Madison. Beim Dernyrennen werden die dem Fahrer zugeteilten Dernyfahrer ausgelost.

Ich lernte außerdem, dass viele Fahrer wirklich an allen sechs Tagen auf der Bahn waren! Sechs Tage lang fuhren die SportlerInnen mit nur wenigen Pausen und brachten dabei Höchstleistungen. Nicht nur ein Weltrekord wurde dabei neu errungen.

Online und offline

Die Lounge war perfekt, um das Rennen hautnah zu erleben, fuhren die Fahrer doch direkt an uns vorbei. Dies hatte sicher auch einen Einfluss darauf, dass ich so viel Spaß daran fand. Nachdem ich das erste Bild vom Sechstagerennen gepostet hatte, meldete sich die Carolyn (ciclista.net) und wollte wissen, wo ich denn sei! Welch eine Überraschung, wo ich doch dachte, sie wollte nur am Samstag da sein! Während ich noch eine Runde bei den Ausstellern auf der VELO Expo oben im Foyer drehte, fand sie sich schon in der Lounge ein.

Viel Zeit blieb nicht mehr, um die Atmosphäre noch einmal aufzusaugen, in den Jubel einzusteigen und die Sportler anzufeuern. Aber ich hatte Blut geleckt! Sehr schnell war klar: Da musste ich noch einmal hin! Danke Wiebke fürs Organisieren!

Und noch einmal…

Als ich dann am Dienstagabend noch einen Besuch des Sechstagerennens wagte, war dies bereits der letzte Veranstaltungstag. Aber hier hatte ich endlich die Gelegenheit auch die Damen fahren zu sehen. Und das lohnte sich, auch wenn es eindeutig zu wenig Damendisziplinen bei den Six Days gab. Ich sah Kristina Vogel und Miriam Welte fahren und schon beim Anmoderieren der zahlreichen Titel, die die beiden jeweils eingefahren hatten, konnte ich nur Respekt haben für diese außergewöhnlichen, sportlichen Leistungen. Sie dann fahren zu sehen, war wiederum unglaublich spannend. Die Halle tobte, als Vogel und Welte schließlich beim Sprint gegeneinander fuhren. Schließlich haben die beiden oft genug auch gemeinsam als Team Titel errungen. Um so spannender war, dass Vogel ihrer Kollegin auf der Ziellinie nur um Felgenbreite voraus war und erneut gewann!

Was für ein Erlebnis. Ja, ich würde immer noch behaupten, keine Ahnung vom Radsport zu haben, doch zumindest durfte ich an diesen beiden Tagen, die ich beim Sechstagerennen verbracht habe, einiges über den Bahnsport lernen. Und ich konnte feststellen: Radsport kann ganz schön Spaß machen, sogar wenn man nicht selbst fährt.