Ein Wochenende in Warschau – Zwischen Glas & Backstein

Reges Treiben herrschte am Hauptbahnhof in Warschau, der unterirdisch im Zentrum der Stadt liegt. Wenn man den Haupteingang verpasst, steht man plötzlich mitten drin im Trubel eines der vielen Einkaufszentren der Hauptstadt Polens. Finden die Reisenden schließlich den Weg hinaus, erstaunen zum einen die Hochhäuser des modernen Geschäftsviertels mit ihren verglasten 30-stöckigen Stahlbauten, zum anderen thront der berühmte und bei den Warschauern zugleich verhasste Kulturpalast wie eine mehrstöckige Torte aus Stein mit allerlei Zierrat imposant über allem auf. Die erste Begegnung ist ziemlich beeindruckend und ein Sinnbild für diese diverse Stadt, die sich in vielen Facetten zeigt.

Hinweis: Enthält persönliche Empfehlungen für Lokale und Orte. Kann man also als Werbung ansehen, ist aber ohne Auftrag.


Ein Wochenende in Warschau zu verbringen war zugegebenermaßen nicht die erste Idee, die ich hatte, als das nahezu jährlich stattfindende Mutter-Tochter-Wochenende endlich einen greifbaren Termin gefunden hatte. Wien stand ganz oben auf der Liste oder doch Venedig? Vielleicht doch irgendwo in Deutschland bleiben? Aber mir war nach etwas ganz Neuem. Mein Blick scannte die digitale Karte und blieb im Osten Europas immer wieder hängen. Was ist eigentlich mit Polen? Von Berlin aus gab es einige gute Zugverbindungen in die Städte des polnischen Nachbarn. Auch in einigen Reiseblogs fand die Hauptstadt Warschau Anklang und das Prädikat sehenswert. Mutti war angetan und die Preise für Zugtickets, sowie die Hotelkosten überschaubar. Zack! Gebucht.

Anreise

Freitagfrüh rein in den Zug, Montagmorgen wieder zurück: In 6,5 Stunden bringt einen der polnische EC mit Platzreservierung von Berlin Hauptbahnhof nach Warsawa Centralna, dem Warschauer Hauptbahnhof. Wer früh startet, ist bereits um 13 Uhr dort und hat noch den halben Tag vor sich. Perfekt für uns! Mit dem Flieger geht das wohl schneller, aber auch weniger umweltfreundlich und entspannt. Wenn die vielen Felder, sumpfigen Wiesen und großen Flüsse, sowie zahlreiche Vögel und andere Wildtiere am Zugfenster vorbeiziehen, vergeht die Zeit außerdem unterhaltsam und schnell. Gratis Wasser und Kaffee gibt es im polnischen Zug übrigens auch. 35 € pro Person und Strecke konnten sich ebenfalls sehen lassen. Wer sein Fahrrad mitnehmen möchte, kann dafür außerdem einen Stellplatz reservieren.

Unterkunft

Zahlreiche Hotels im Zentrum bieten in verschiedenen Kategorien preiswerte Unterkünfte mit tollen Aussichten – in Mirów zum Beispiel geht es in die Höhe hinaus. Einige Hotels haben Zimmer bis in die 29. Etage: Unten Bürohaus, oben Hotel mit einem großartigen Blick über die Stadt. Von Ferienwohnungen bis Mehrsterne-Hotels ist die Auswahl groß.

Praktisch: Wir konnten überall mit Karte zahlen, sodass allein die Umrechungsaufgabe von Zloty in Euro eine kleine Herausforderung war (und dafür gibt es ja Mobile Apps ;-)). Ansonsten haben wir quasi nie Bargeld gebraucht.

Fortbewegung in Warschau

Während eines Stadturlaubs legt man ja bekanntlich so viele Kilometer zu Fuß zurück, wie wohl in der eigenen Stadt sonst nie. (Es sei denn, man ist mit dem Fahrrad unterwegs…ok, ich habe mein Brommie hin und wieder schon vermisst.). Und wir liefen: Fast 18 km am ersten, 24 km am zweiten und 15 km am dritten Tag war unsere Statistik. Dabei wäre der nächste Bus oder die Tram meist gar nicht weit weg gewesen. Doch dann wäre uns ja vielleicht etwas entgangen!

Warschau ist eine moderne Großstadt, mit vielen großen Plätzen und breiten Straßen. Der motorisierte Individualverkehr läuft leider auf den zahlreichen Verkehrsachsen sehr stark. Dabei verfügt die Stadt über ein sehr gut ausgebautes System der öffentlichen Verkehrsmittel. Nicht nur unzählige Straßenbahnlinien, sondern auch Busse und sogar zwei U-Bahnlinien (Ost-West und Nord-Süd-Verbindung) ermöglichen ein flüssiges Vorankommen in der gesamten Stadt – auch ohne Auto. Günstig ist es für unsere Verhältnisse auch noch. An den Ticketautomaten in der Stadt bzw. in den Bahnen gibt es 20, 75 und 90 Minuten-Tickets schon ab rund einem Euro.

Mit dem Fahrrad durch Warschau

Ich war dieses Mal leider ohne Fahrrad unterwegs, doch konnte ich besonders im Zentrum viele breite, separate Radwege entdecken. Die Fußgängerübergänge sind, wie ich es auch schon in Posen gesehen habe, mit Zebrastreifen gekennzeichnet. Teilweise verlaufen die Wege etwas unstetig und im Zick-Zack, doch ich habe sie auf langen Strecken durchgängig wahrnehmen können. Auch hier gibt es die bei uns üblichen blau-weißen Schilder mit Fahrradsymbol.

Leihräder bekommt man nicht nur bei einigen Hotels auch große Anbieter haben feste Stationen, die jedoch im Winter nicht durchgängig besetzt sind. Auffällig sind die grünen Elektroroller, die sich scheinbar großer Beliebtheit erfreuen und überall im Stadtbild zu finden sind.

Futter!

Die polnische Küche hat so einige Leckereien zu bieten. Mein Favorit sind nach wie vor die unterschiedlich gefüllten Pierogi (mit und ohne Fleisch), kleine Teigtaschen, die sehr sättigen und meist nur in Butter geschwenkt genossen werden. Wie in jeder Großstadt, kann man auch in Warschau leckeres Essen aus der ganzen Welt finden und auch Vegetarier und Veganer kommen auf ihre Kosten. Neben dem Veganen Ramen Shop (Kazimierzowska 43) in Stary Mokotów, gibt es in Mirów auch einen Vegan Street Food Restaurant (Żelazna 58/62) mit dem Namen Mango. Beide sind definitiv zu empfehlen.

Und dann sind da noch die süßen Schlemmereien, wie die dickflüssige, heiße Schokolade mit verschiedenen zusätzlichen Zutaten und unterschiedlichem Schokogehalt oder die Kuchen und Torten mit Baiser und Sahne in den Konditoreien und Cafés.

Meine Warschau Top 7

1. Stare Miasto – die bunte Altstadt an der Weichsel

Kein Warschaubesuch ohne einen Abstecher in die wunderschön sanierte Altstadt mit dem berühmten Altstadtmarkt und den bunten Häusern.  Im Winter befindet sich mitten auf dem Marktplatz eine Schlittschuhlauffläche und man bekommt an jeder Ecke heißen Glühwein. Auch die alte Stadtmauer aus rotem Backstein und die vielen kleinen Türmchen und Kirchen lohnen einen näheren Blick. Besonders am Wochenende ist ordentlich etwas los auf der Straße vor dem Warschauer Königsschloß, das imposant direkt am Hang mit einem großen Garten zur Weichsel hin thront. An der Krakowskie Przdemiéscie liegt außerdem auch der Präsidenten Palast und weitere sehenswerte historische Gebäude. Wir waren bereits am Freitagnachmittag dort, was eine gute Entscheidung war, wenn man die Mengen an Menschen anschaut, die am Sonntagmittag dort umherwandeln.

2. Von Park zu Park – ein Spaziergang durch den
ŁazienkiPark

Warschau hat sehr viele, sehr schöne Grünflächen zu bieten. Der größte ist mit ca. 80ha der ŁazienkiPark, zu dem man laufend vom Zentrum aus per Park-Hopping gelangt ;-). Denn es liegen noch ein paar kleinere Grünflächen auf dem Weg, die ebenfalls sehr schön sind. Parallel zur Weichsel geht es also von Grün zu Grün, bis man schließlich in dem großen Park im Süden ankommt. Dieser hat nicht nur einen Botanischen Garten zu bieten (der im Winter leider nicht geöffnet hat), sondern auch den Belvedere Palast, der früher die Residenz des polnischen Präsidenten darstellte. Berühmt ist der Wasserpalast, der auf einer Insel umgeben von Wasser steht. Statuen und Denkmäler sind ein großes Thema in Warschau und auch der Łazienki-Park hat einige davon zu bieten. Chopin, Kopernikus oder Seejungfer (das Wappensymbol Warschaus) – überall finden sich Steinmale und Figuren.

Neben einer großen Wasserfläche und der Alten und Neuen Orangerie flaniert es sich ganz hervorragend – auch bei kühleren Temperaturen. Mit etwas Glück trifft man den dort lebenden Pfau, der gern seine Federn in die Sonne reckt und sich dabei genüsslich putzt. Leider ist das Radfahren im Park nicht erlaubt. Schade, bei den vielen breiten Wegen.

hui

3. Fahrradliebe in Warschau – der Bike & Coffee Shop Kolarski in Sielce

Weiter nach Süden laufend, gelangt man nach ca. 1,5 km zum kleinen Fahrradladen Kolarski, der nicht nur hochwertige Renn- , Gravel und Urban Bikes führt, sondern auch über eine attraktive Kaffeebar verfügt. Ob man den Kaffee dann frisch gebrüht auf dem bequemen Sofa im Shop zu sich nimmt oder an einem kleinen Tischchen draußen in der Sonne – einladend ist beides allemal. Und dann kann es auch frisch gestärkt weiter gehen, zu Fuß, mit der Bahn oder dem Rad.

4. Stary Mokotow und Srodmiescie Poludniowe – über die Marszalowska zurück ins Zentrum

Nachdem Käffchen im Radladen führte ich uns zugegebenermaßen etwas im Zick-Zack durch Wohngebiete und etwas weniger spannende Gebiete. Bis wir schließlich im Bezirk Stary Mokotow ankamen. Dort gibt es einige kleine, spannende Läden und Cafés, wie einen veganes Schuhgeschäft oder den Vegan Ramen Shop mit sehr leckeren Suppen. Besonders auf der Straße direkt zurück ins Zentrum, der Marszalowska, auf der ich mich aufgrund der sozialistisch-realistischen Architektur zeitweise in die Berliner Karl-Marx-und Frankfurter Allee hin versetzt gefühlt habe: Lange, gleichförmige und imposante Bauten, teilweise sogar mit übergroßen, menschlichen Arbeiter-Figuren in die Wand gehauen. Es gibt dort immer etwas zu entdecken und ein Spaziergang diese lange Straße hoch, lohnt auf jeden Fall. Neben den Restaurants, dem Theater und Kino, kann man sich an jeder Ecke niederlassen, um in einem hippen Café im Kuschelsessel Cappuccino zu schlürfen oder einen dieser großartigen Kuchen zu genießen.

5. Zwischen Moderne und Vergangenheit – Stahl, Glas und Backstein in Muranow und Mirów

Warschau hat eine bewegende Geschichte und durch die Stadt laufend, erinnern nicht wenige Denkmäler, Statuen und Gebäude an die schwere Kriegszeit, die viel in der Stadt zerstört hat. Zentral vor dem Ogród Saski Park liegt das “Grab des unbekannten Soldaten”, welches an die vielen Kriegsopfer erinnern soll. Dort stehen stets zwei wachende, uniformierte Soldaten.

Wo damals das Warschauer Ghetto zwischen der Altstadt und dem Zentrum lag, erstreckt sich heute teilweise das Wohnviertel Muranow. Die Lücken und zerstörten, alten Häuser weichen in Mirów der Moderne des wachsenden Geschäftsviertels mit unzähligen Hochhäusern und Baustellen. Immer wieder zeugen alte, unrenovierte Backsteinbauten, an denen die Fassade schon lange blättert oder gar nicht mehr vorhanden ist, von vielen Jahren des Bestands. Der große Kontrast in der Architektur entsteht durch die mehrstöckigen Plattenbauten und die dem sozialistischen Realismus entsprungenen Wohnblöcke.

Das alles vermischt sich zu einem spannenden Mix einer Großstadt, die vor Sehenswürdigkeiten strotzt. Und über allem ragt der 1955 fertiggestellte Kultur- und Wissenschaftspalast (Palac Kultury i Nauki) empor, der offiziell ein Geschenk der Sowiet Union war, aber unter den Polen in Warschau genau deshalb nicht sonderlich beliebt ist. Ein Machtysmbol der Russen mitten in der Stadt, das man nicht so einfach übersehen kann. Das denkmalgeschützte Gebäude beherbergt nicht nur Theater und Museen, sondern auch die höchste Turmuhr der Welt.

6. Ostseits der Weichsel: Abstecher nach Praga

Ich liebe es abseits der üblichen Touristenpfade unterwegs zu sein. Auch wenn einige Orte natürlich Pflicht sind, lohnt meist ein Abstecher in weniger frequentierte Ecken. Die meisten Sehenswürdigkeiten in Warschau befinden sich auf der Westseite der Weichsel, doch ein Gang auf die andere Seite des breiten Flusses lohnt nicht nur wegen des schönen Panoramablickes auf das gegenüberliegende Flussufer und die Altstadt. Es lässt sich auch wunderbar am wilderen, natürlicheren Ufer spazieren gehen – ein Gegensatz zur glatten Betonpromenade auf der anderen Flusseite. Neben weiterer schöner Parks und dem Warschauer Zoo befinden sich in Stara Praha, dem “alten Prag” außerdem spannende Zeitzeugen der Warschauer Geschichte: So wie das große Gebäude der Verkehrsbetriebe, an dem sich noch Einschusslöcher aus dem 2. Weltkrieg erkennen lassen.

Oder die Ząbkowska Straße mit teilweise sehr alten Gebäuden wie der Wodka Fabrik aus rotem Backstein und dem Haus im Haus, bei dem die alte Außenfassade an einen Neubau angegliedert wurde. Sehr krass macht sich in Stara Praha der Kontrast zwischen alter, unsanierter Baustruktur und frisch verputzer Fassade bemerkbar. Einige Häuser verfallen deutlich und Auffangnetze für abbröckelnde Mauerteile befinden sich an vielen Gebäuden. Direkt daneben steht wiederum ein strahlender Neubau mit Glas und glatter Fassade.

7. Street Art in der ganzen Stadt

Es ist nicht wirklich örtlich eingrenzbar, aber es lohnt sich in Warschau immer, auch einmal einen Blick in die alten Hinterhöfe oder an die Hauswände zu wagen. Es finden sich oft kleine und große Kunstwerke, teilweise mit politischen Botschaften, teilweise ganze Wände bedeckend, manchmal nur ganz klein. Besonders in Stara Praha sollte man genauer hinschauen.

Warschau lohnt sich!

Warschau ist überraschend, bunt und vielfältig. Die polnische Hauptstadt ist auch im Winter einen Besuch wert, doch gerade bei wärmeren Temperaturen eine tolle Stadt, um in den vielen Parks und durch die weiten Straßen und über die großen Plätze zu spazieren. Diese Weite und Diversität hat mich doch an einigen Stellen an Berlin erinnert. Ich habe mich sicher und frei beweglich gefühlt. Würde ich nochmal hin? Auf jeden Fall! Denn es gibt deutlich mehr zu sehen, als wir es in 2,5 Tagen schaffen konnten. Allein die vielen Museen und Denkmäler lassen sich unmöglich in so kurzer Zeit anschauen. Also ab in den Osten und nächstes Mal hoffentlich mit Fahrrad!

Not fast but far

Sobald die Straßen der Großstadt außer Sicht gerieten und sich die Mehrfamilienhäuser zu Einzelhäusern wandelten, wurden aus dem feuchten, dunkel glänzenden Asphalt, weiß bedeckte Pfade und Wege. Hier an den Rändern der Stadt waren eine dünne Schicht Schnee und Eis liegen geblieben. Sie hellten die graue, in feinem, nebeligen Dunst eingehüllte Landschaft zumindest etwas auf. Der Himmel war grau und wolkenverhangen und legte sich schwer über die kahle, dunkle Winterszenerie. Doch diese war nicht ohne Schönheit. Sie hatte etwas Eigenes und Einzigartiges, deren Besonderheit mich sofort in den Bann zog.

Aus den Augenwinkeln bewunderte ich die fragil wirkende, milchige Eisdecke auf den zahlreichen Teichen, die wir passierten. Es war zu warm, als dass das Eis wirklich stabil sein konnte. Dennoch hauchte ich mit jedem Atemzug kleine Wölkchen heraus und war froh, wieder die warmen Thermo-Bibtights für diese Ausfahrt gewählt zu haben. Mir war größtenteils angenehm warm während der Tour. Auch, wenn es gerade mal um die 1°C kühl war, wechselte ich nach ein paar Kilometern bereits meine weiche Winterkappe gegen die einfache aus Baumwolle und zog nur den Schlauchschal zusätzlich über Kopf und Ohren unter dem Helm.

Bild Credit: Steffen Weigold

Zu Beginn war ich noch sehr zuversichtlich gewesen. Als wir am Samstagvormittag um kurz nach 10:30 Uhr den Rapha Store in Berlin Mitte verließen, ging es zunächst erst einmal auf Asphalt gen Norden und raus aus der Stadt. 10 Männer und ich. Eine CX bzw. Gravelrunde stand auf dem Programm und mir wurde zugesichert, dass diese weniger schnell als eine typische Rennradrunde sein würde. Davon ging ich zwar aus, denn von diesen hielt ich mich bewusst fern. Ich hatte jedoch schon eine Vorahnung, dass es wohl dennoch nicht meine Geschwindigkeit sein könnte. Gleichzeitig war da diese Motivation, einfach mal mit ein paar anderen Leuten zusammen Radzufahren.

Immer hinterher

Und ab ins Gelände! Schnell wurde mir klar, dass wir zumindest zu Beginn eine mir bekannte Route fahren würden: Der gute, alte Pankeradweg. Als wir im Norden Pankows auf den Radweg zwischen den Teichen abbogen, sank meine Motivation zum ersten Mal. Ich war bereits hier hinten dran und wir waren eben erst losgefahren. Ok. Keine Sorge. Den Weg kenne ich zumindest und konnte folgen, auch wenn die schnelle Truppe vor mir hinter einer Kurve außer Sicht geraten sollte. Ich keuchte etwas in mich hinein und war überrascht, kurz darauf alle auf mich warten zu sehen. Wie nett. Doch gleichzeitig ein kleiner Stich. Ein mulmiges Gefühl und der Gedanke: “Natürlich müssen die Männer wieder auf die einzige Frau in der Gruppe warten.” Ich wollte das nicht.

Jedes Mal, wenn ich es schaffte innerhalb der Gruppe zu fahren, fiel ich spätestens beim nächsten langen geraden Abschnitt irgendwann wieder zurück. Wir hatten den Pankeradweg mittlerweile verlassen. Der Weg führte uns zwischen den vereisten, mit zahlreichen Vögeln besiedelten Karower Teichen hindurch und an mit einer feinen Frostschicht bedeckten Feldern vorbei. Es war so märchenhaft, so verschlafen und ich fühlte mich in eine Welt der russischen Wintermärchen hinein versetzt. Hinter der nächsten Ecke tauchte bestimmt das Hühnerbeinhaus der Hexe Baba Jaga auf! Ganz bestimmt!

Da, ein Gatter! Einer hielt das Tor offen, damit alle hindurch und mitten über die Weide der Hochlandrinder fahren konnten. Ich freute mich und beobachtete beim Vorbeirauschen aus dem Augenwinkel die großen Hörner der friedlich grasenden Tiere. Schade, ich hätte gern ein Foto gemacht. Doch ich wollte mich nicht wieder zurückfallen lassen. Das nächste Tor kam in Sicht und schon lag die Weide hinter uns. Zunächst war ich über jedes Hindernis erfeut, bei dem alle etwas herunter bremsen mussten und ich es so einfacher hatte, sie wieder einzuholen. Doch im nächsten Moment war die Freude darüber schon wieder dahin. Einige meiner Mitfahrer beschleunigten so schnell, dass ich dann noch weniger eine Gelegenheit hatte, Schritt zu halten. Ich beneidete sie ein wenig.

Alte Wehwechen..

Der Liepnitzsee, schön war es hier, Sommer wie Winter. Den Ufersprint genoß ich. Natürlich langsamer als alle anderen, doch schön wars, vorbei an dem in feinem Nebel gehüllten See zu radeln. Nach der Hälfte der Strecke, für mich nach ca. 40 km spürte ich deutlicher, wie meine Oberschenkel etwas zogen und meine Arme zu verkrampfen begannen. Meine rechtes Knie, dass sich bei Überanstrengung seit der Gravelspartakiade immer meldete, muckte auf. Wieder anfahren, dabei beiben, auffahren, zurück bleiben. Es war mühselig. Frustrierend. Ich dachte ans Aufgeben. Ans zurück bleiben. Wie dramatisch. Mehr als einmal, nachdem die anderen zum dritten Mal auf mich gewartet hatten, bemerkte ich leise, dass ich ein Navi dabei hätte und sie ruhig weiter ihr Tempo fahren können. Ich wollte niemanden aufhalten. Doch das wurde ignoriert. Wieder wurde ich gebeten, doch vorn mitzufahren.

Es funktionierte nur kurz. Beim nächsten Anstieg, bei dem ich immer an Geschwindigeit verlor, wurde ich überholt und fiel erneut zurück. So mühselig… Dabei war ich überrascht, wie wenig Sorge mir der Untergrund machte. Nachdem wir die Felder verlassen hatten, sausten wir auf einem Forstweg durch den Wald. Der Boden war teilweise mit einer dicken Schicht gefrorener Blätter bedeckt, sodass Wurzeln und Löcher schwer zu erkennen waren. Eine feine Schnee- bzw. Eisschicht hüllte alles ein. Der Sandweg war so fest gefroren, dass die eingefahrenen Quer-Rillen von den Reifen der schweren Forstfahrzeuge sich hart ruckelnd wie ein Brett fuhren und heimtückische Kanten erschaffen hatten, an denen man wegrutschen konnte. Doch bis auf einen Ausrutscher, bei dem ich mich überrascht wieder gefangen habe, geschah mir nichts. Meine Gravelking Schlappen taten unermüdlich ihren Dienst ohne zu mucken und ich füllte mich recht sicher.

Obacht! Glatt.

Andere, mit weniger Profil und schmaleren Reifen hatten da weniger Glück. Wir fuhren einer dieser langen, geraden Waldwegabschnitte. Ich spürte, wie meine Energie nachließ und mir war etwas diesig. Jetzt nur nicht vom Rad fallen. Da war er wieder, der Gedanke, anzuhalten, einen der mitgebrachten Riegel zu essen und dann ruhig und gemächlich allein weiter zu fahren. Schließlich waren wir eh schon auf dem Rückweg. Kurz bervor ich mich entschlossen hatte zu stoppen, wurde mir die Entscheidung abgenommen.

Das Gelände war leicht hügelig und bei einem bergab Abschnitt sah ich vor mir plötzlich ein Straucheln unter den anderen Fahrern. Es ging sehr schnell. Auf einmal stürzten drei der nahe beieinander radelnden Herren halb übereinander vom Fahrrad. Einer war weggerutscht und hatte die anderen in einer Art Dominoeffekt mitgezogen. Ich atmete besorgt hastig tief ein und war erleichtert, als ich ankommend feststellte, das keinem wirklich etwas passiert war. Ein Stöhnen hier und da und schon waren alle wieder auf den Beinen. Es war nicht der einzige Sturz an diesem Tag gewesen.

Bild Credit: Steffen Weigold

Frust

Aufatmend nestelte ich flink an meiner Stembag herum, um schnell ein Stück Notfall-Riegel in den Mund zu schieben. Die Gestürzten taten mir zwar Leid, doch mir kam die ungeplante Pause sehr willkommen. Ich spürte, wie die wenigen Minuten Ruhe mir wieder etwas Energie schenkten. Als wir weiterfuhren, versuchte ich erneut mein Glück weiter vorn. Nicht lang, natürlich. Ich mochte auch das plötzliche Anschieben nicht, dass sicher gut gemeint war, mich aber trotzig reagieren ließ.

Es gibt nur wenige Menschen, die das durften und die kannte ich sehr gut. Bei allen anderen fand ich es mehr als unangenehm, fast schon beleidigend. Egal wie gut die Absichten waren. Ich brauchte keine Schubhilfe. Lieber fahre ich allein durch den Wald in meinem Tempo, als mich so zu erniedrigen. Übertrieben? Nein, denn so fühlte es sich in dem Moment an. Meine etwas patzige Reaktion tat mir im Nachhinein Leid. Doch ich musste einfach deutlich zeigen, dass ich das nicht wollte. Ich kam mir so schon ziemlich schwach vor.

Ich war gefrustet. Hatte ich wirklich nur einen Funken Hoffnung gehabt, ich könnte bei einer derartigen Ausfahrt mithalten? Musste ich das überhaupt? Das waren alles eher sportlich motivierte Fahrer, wie mir schien. Die meisten zumindest und das war bei einer Ausfahrt von Rapha wohl auch keine Überraschung. War es also mein Fehler, es überhaupt versucht zu haben? Irgendwie wollte ich das nicht einsehen. Einen Versuch war es wert und schadete nicht (außer meinem schmerzenden Knie). Dann wusste ich wenigstens Bescheid. Es macht ja keinen Sinn, sich vorher schon entmutigen zu lassen, ohne es überhaupt versucht zu haben, oder? Es hätte ja auch klappen können. Doch wahrscheinlich werde ich vorerst solche Ausfahrten meiden. Allein ist auch gut oder mit eins, zwei Freunden zusammen, die so wie ich fahren wollen. Oder ich organisiere mal was Eigenes, Entspanntes. Eigentlich eine gute Idee. Anyone?

Bild Credit: Steffen Weigold

Cycling is no sport

Radfahren ist für mich weniger Sport, als viel mehr Teil meiner Lebenseinstellung und meines Alltags. Ja, ich liebe es tagelang mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Doch ich trainiere nicht. Ich fahre einfach. Ich fahre mittlerweile auch in meiner Freizeit viel mehr als früher. Ja, auch mein Fahrrad ist sportlicher geworden. Aber ich bin eben immer noch nicht schnell im sportlichen Sinne. Ich kann lang fahren, weit. Manchmal lasse ich mich auch mitreißen, wenn ich zusammen mit anderen unterwegs bin. Es darf auch gern mal schnell sein mit kurzen Sprints auf langer, ebener Strecke. Doch dann verfalle ich wieder in meinen Trott. 22 km/h, dann 20 . Mal mehr, mal weniger. Super. Hallo Landschaft. Hallo Baum. Hallo See. Hallo Vogel. Oh, ein Reiher. Schnell mal anhalten und leise ein Foto machen.

Und dann aber weiter. Schließlich will ich auch voran kommen. 😉 Das ist es. So mag ich das. Fahrt einfach, wie es euch gut tut! Mein Ausflug in die Welt der gemeinsamen Sportausfahrten war sehr lehrreich gewesen. Ich war so erledigt am Abend, wie ewig nicht mehr nach einer Radtour, verspannt und mit schwerzendem Knie, dass auch Tage später noch Probleme machte. Die Strecke an sich war super schön gewesen. Irgendwie war es auch schön, mal nicht allein zu fahren, zum Abschluss der Fahrt noch im Café zu quatschen, etwas zu futtern und Kaffee zu schlürfen. Doch immer hinterher hängen, egal wie sehr ich mich anstrengte, ist eben sehr unbefriedigend. Ernüchternd.

Und die Moral von der Geschicht…

Ein Gutes hatte das Ganze: Ich habe nicht aufgegeben. Egal wie doof ich es manchmal fand. Das mag zum einen an einigen sehr angenehmen Mitfahrenden gelegen haben, die immer wieder auf mich warteten. Auch die Strecke gefiel mir schließlich sehr gut. Andererseits war da meine eigene Sturheit, die mich durchhalten ließ und das befriedigte mich am Ende doch sehr. Es gibt außerdem noch eine leise Stimme in mir, die sich das nicht bieten lassen möchte. Die sagt, das kannst du auch! Du musst nur deinen Arsch mal hoch kriegen und regelmäßig Strecke in einem bestimmten Tempo fahren. Und dann? Dann kann ich vielleicht mithalten. Eine Option. Doch bis ich diese Motivation gefunden habe, fahre ich lieber weiterhin gemütlich durch die Landschaft, halte zum Essen kurz an, hole tief Luft, schüttel die Beine aus und fahre dann ausgeruht und entspannt weiter. Lehrreich. Wie gesagt.

Far not fast.


Danke an Steffen für die schönen Fotos und die tolle Routenführung. Auch für deine Motivationsversuche: Ich habe es wirklich versucht!

Und Flo: Danke fürs offene Ohr :-)!