Sind Autofahrer wichtiger als Radfahrer? – Ein Kommentar.

Das Thema Auto BILD-Titelseite/-Artikel ist noch lange nicht erledigt! Denn die Oktoberausgabe 2017 des Magazins strotzt nur so von plakativen Anschuldigungen und konfrontationslustiger Diskreditierung.
 
Dazu muss man nicht einmal den Artikel gelesen haben, denn allein der Titel ist reine Hatz.
 
Die Radfahrer spinnen.
Sie treten, spucken, pöbeln. Sie rasen ohne Helm und Licht. Sie klauen uns die Straße. Sind Radfahrer wichtiger als wir Autofahrer?
(Titelbeschriftung der Auto BILD im Oktober 2017)

Es steckt so viel geplantes, aggressives Kalkül hinter dem Titelblatt, dass ich es eigentlich immer wieder lesen muss und versuche zu verstehen, weshalb man derartiges bewusst veröffentlichen kann.

Perspektivenwechsel – der fremde Begriff

Viel zu rücksichtslos spiegelt der Titel allein die ungehobelte Arroganz einiger motorisierter Verkehrsteilnehmer wieder. Er provoziert gekünstelt und einseitig die Nutzer von verschiedenen Fortbewegungsmitteln (in diesem Fall ganz klar auto- und radfahrende Personen) – ohne dabei nur in Ansätzen konstruktiv zu sein oder eine sinnvolle Kommunikation zu unterstützen. Diese wenigen Worte fördern vor allem die Distanz und lassen das Kommunikationsdefizit noch größer werden.

Perspektivenwechsel und logisches Denkvermögen suche ich dabei vergebens.
Nicht umsonst habe ich in meinem Buch versucht, verschiedene Perspektiven aufzuzeigen. Der Typus “Kampfradler”, wenn es ihn denn je klar abtrennbar geben sollte, ist genauso wenig hilfreich für ein rücksichtsvolles Miteinander, wie der aggressive SUV-Fahrer, der sich als Herr der Straße versteht. 
 
Wie schon Claude in seinem Kommentar schreibt, hat es meist triftige Gründe, wenn ein Radfahrer es für nötig hält zum Beispiel auf ein Autodach zu klopfen oder laut zu schreien. Zu geringer Überholabstand ist nur einer davon. Diesen Umstand reflektionslos als Angriff gegen Radfahrende zu nutzen, ist pure Ignoranz.

Vom Fehlverhalten im Straßenverkehr

Wie kommt man also darauf eine derartige Darstellungsweise zu wählen? Um die Verkaufszahlen hoch schrauben und gezielt die Menschen anzusprechen, die sowieso schon kein gutes Haar an radfahrenden Personen lassen und ihre Beweggründe nicht nachvollziehen können?
Super! Das sollte funktioniert haben. Statt die Macht der Presse deeskalierend zu nutzen, wird weiter in der Wunde herum gestochen und der Straßen”krieg” künstlich dramatisiert. Verallgemeinerungen sind da hoch im Kurs. Getreu dem Motto: Alle Radfahrer halten sich nicht an Regeln und machen, was sie wollen.
 
Welch völlig neue Betrachtungsweise: Radfahrer als Buhmänner und -frauen des Straßenverkehrs und alle sind gleich! Da waren die Auto BILD Redakteure ja richtig kreativ und haben das beliebte Thema völlig neu dargestellt.
Nur scheinen sie sich nicht gern an die eigene Nase zu fassen. Dann würden sie vielleicht merken, dass es kein Schwarz-Weiß-Verhalten gibt und kein Verkehrsteilnehmer heilig ist. Wir sind alle Menschen, egal welches Fortbewegungsmittel wir wählen. Und so lang autonomes Fahren kein Standard ist und jeder selbst denken und danach handeln muss, wird es auch den Verstoß von Regeln geben. Die Schwere und das Ausmaß von Regelmissachtungen können jedoch abhängig vom Verkehrsmittel sehr unterschiedlich sein.
 
Der erste Schritt für mehr Respekt und rücksichtsvolles Miteinander ist es, das eigene Verhalten zu reflektieren und erst dann auf andere zu schauen. Das fällt einigen vielleicht schwer, ist aber erlernbar.

Reclaim the Streets oder: Die Mär vom Radfahrer als Straßendieb.

Der Untertitel der weltweiten Fahrradbewegung “Critical Mass” spiegelt es deutlich wider: Die Straßen einer Stadt sind für alle da – nicht nur für den motorisierten Kraftverkehr.
Sie schlängeln sich durch unsere Lebensräume und gestalten diese mit – und das viel zu oft nicht zum Positiven. Sie gehören keinem Nutzer persönlich. Viel mehr sollten sie ein Symbol für ein gemeinsames Miteinander sein, da sie doch so unentbehrlich für unser städtisches Leben und vorankommen sind. Quasi jeder nutzt sie.
 
Ich habe den Eindruck, es wird eine Sorge zum Ausdruck gebracht, die auch von einem kleinen Kind ausgehen könnte. Es wirkt wie die Angst, dass man ihm das Lieblingsspielzeug wegnehmen möchte. Nur geht es hier nicht um Diebstahl, sondern um gerechte Straßennutzung und Platzverteilung.

Sind Autofahrer wichtiger als Radfahrer oder Radfahrer wichtiger als Autofahrer?

Die Titelseitenfrage nach der Wichtigkeit kann ich nur als rhetorische deuten. Wie soll ich diese Frage auch ernst nehmen können? Ansonsten gäbe es sehr viele gespaltene Persönlichkeiten da draußen, die sich je nach Verkehrsmittelwahl unterschiedlich ernst genommen und wichtig fühlen würden.
 
Liebe Auto BILD-Redaktion, schon einmal daran gedacht, dass man verschiedene Fortbewegungsmittel je nach Bedarf nutzen kann und kein Mensch einem allein zugehörig ist? So soll es doch Menschen geben, die tatsächlich auch gern das Fahrrad nutzen und manchmal dennoch Auto fahren. Verrückte Welt!
Manche Menschen mögen sich allein über ihr Verkehrsmittel definieren, doch in den seltensten Fällen nutzen sie nur ein einziges. Die Größe und Kraft von diesem ist jedoch niemals eine Rechtfertigung für Macht und Wichtigkeit und erst recht keine Entschuldigung für rücksichtsloses Verhalten.
 
Was aber relevant ist: Je mehr Kraftverkehr durch die Städte schleicht, desto weniger attraktiv wird der Lebensraum durch den Lärm und die Schadstoffbelastung. Demnach sind Radfahrer und Fußgänger tatsächlich sehr wichtig.
 
Ich mag mir jedenfalls nicht vorstellen, wie die Städte in denen ein hoher Radverkehrsanteil vorhanden ist, aussehen würden, wenn all diese Radfahrer aufs Auto umsteigen würden – jeder in ein eigenes für sich allein selbstverständlich. Die richtige Mischung und die Menge der verschiedenen Verkehrsmittel ist entscheidend für eine funktionierende und lebenswerte Stadt.
 

Für mehr Rücksichtsnahme und Verständnis

Liebe Verkehrsteilnehmer,
hört endlich auf mit dem Hass und den Aggressionen und nehmt Rücksicht aufeinander! Dann gibt es auch weniger Gehupe, aufs Autodach-Hauen oder Weggedränge. 
Lasst das Macho-Gehabe und die Besserwisserei – beim Überholen mit dem Auto ebenso wie beim Nachvorndrängeln mit dem Rad.
Stellt euch vor, der Mensch auf dem Rad vor euch, den ihr da gerade mit dem Auto und 50 Zentimeter Abstand überholen wollt, ist einer, den ihr wirklich mögt! Fühlt sich das gut an? Ich denke nicht.
 
 
P.S. Es gibt weder Helmpflicht noch Tempolimit für Radfahrer. Auch dürfen sie mit Ausnahmen auf der Straße fahren und müssen Radwege nur mit beschilderter Benutzungspflicht nutzen. Das einzige, was wirklich eine sinnvolle Kritik sein kann, ist das Fahren ohne Licht – ein Zustand, den ich auch nicht nachvollziehen kann. Aber das ist vielleicht als Aufhänger für eine gute Titelstory doch etwas mau…zumal es wieder nur einen kleinen Teil Fahrräder betrifft.
 
Ein weiterer Kommentar, den ich für sehr lesenswert halte, kam am 09.10. auch vom ADFC-Berlin.
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