Und weiter ging die Reise – auf nach Usedom! Heute u.a. auf dem Programm: Gegenwind, Lochsteinplatten und Kopfsteinpflaster. Und eine Entscheidung stand an: Denn bisher war ich noch pro VELO eingestellt, die Fahrradmesse, die am 3. Tag unserer Reise nun auch ihre Tore geöffnet hatte. Eigentlich wollte ich dorthin und meine Fahrt spätestens in Stralsund abbrechen. Eigentlich wollte ich aber überhaupt nicht aufhören zu radeln. Der Hanse Gravel 2019 war schon jetzt für mich zu einem ganz besonderen Erlebnis geworden – in vielerlei Hinsicht.

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3. Tag: Ribnitz nach Usedom

Alte Bekannte

Am Morgen nach der Unwetternacht packte ich mich etwas mehr ein, als die Tage zurvor. Die Feuchtigkeit hing noch in der Luft und die Straßen waren nass vom Regen. Doch ich war bereit für den neuen Tag! Und schau mal an, wer da unsere Punkte auf der Karte verfolgt hatte und kurz hinter uns die Nacht verbracht hatte! Der Marcus radelte an diesem frischen Morgen plötzlich gut eingepackt vor unser Schlösschen mit Aussicht und gesellte sich wieder zur illustren Runde. Schön.

Über Stock und Kopfsteinpflaster

Die erste Tagesetappe führte nach Stralsund, wo wir uns zunächst einmal ein Frühstück genehmigten. In der Hansestadt verließ uns leider dann auch Michael und wir fuhren zunächst zu fünft weiter. Denn ich brachte es nicht übers Herz, in Stralsund in den Zug zu steigen. In Wolgast gab es ja auch noch einen Bahnhof… Im weiteren Verlauf des Tages trafen wir auf Bettina, die wir zuvor schon mehrfach auf der Route gesehen hatten. Doch schließlich wurde sie Teil unserer Gruppenfahrt und ergänzte die Runde ganz vorzüglich! Ich meine, ich war sehr gern mit den anderen unterwegs, aber ein wenig mehr Frauenpower konnte auch nicht schaden! Schließlich stand das bereits angekündigte, pi x Daumen 20 km lange Stück Kopfsteinpflaster zwischen Stralsund und Greifswald an. Was haben wir uns Gedanken darüber gemacht! Und ja, es war ab und an unangenehm, aber eben nicht dieses fiese, uralte, holprige Kopfsteinpflaster, vor dem ich mich schon gefürchtet hatte! Dieses war irgendwie doch ganz gut fahrbar, zumindest mit möglichst breiten Reifen und wenig Luftdruck darauf!

Foto 1 von Marcus D.

Klar, dass wir nach dieser Anstrengung erst einmal eine Stärkung brauchten. Der Hafen in Greifswald bot sich dazu sehr gut an. Und mit einem alkoholfreien Bier und Eiscreme in der zweiten Runde ließ es sich schon echt gut aushalten. Auf dem Weg nach Usedom gab es dann endlich mal wieder ein paar Höhenmeter und zur Abwechslung auch Sand. Also beides gleichzeitig natürlich! Aber wer sein Fahrrad liebt…

Entscheidungen

Den ganzen Tag über hatte ich mir auch immer wieder Gedanken gemacht, wurde gegen Nachmittag sogar etwas melancholisch. Denn Wolgast rückte immer näher. Ich prüfte nochmal die Bahnverbindungen und wie weit ich noch mitradeln konnte, bis es zu umständlich werden würde mit Bahn und Rad nach Hause zu gelangen. Hm. Eigentlich konnte ich ja auch noch mit auf die Insel fahren, denn so spät war es noch nicht. Innerlich hatte ich schon lange eine Entscheidung getroffen, doch mein Kopf war sich noch nicht ganz sicher. Also spielte ich das Spielchen noch eine Weile und machte die anderen wahrscheinlich mit meinem angedrohten “Ich fahre dann am nächsten Bahnhof Heim” völlig verrückt.

Ihr wisst wahrscheinlich schon, wofür ich mich schlussendlich entschieden habe. Und das hat sich so gut angefühlt! Keine Ahnung, warum ich so lange daran festgehalten habe, unbedingt zu dieser Messe zu müssen! Fear of missing out, vermutlich. Als wir dann noch den einsamen André trafen, der seine Begleitung allein weiterziehen lassen hatte und gar nicht so lange vor uns auf der schönen Ostseeinsel angekommen war… Tja, da wusste ich schon, dass es die beste Entscheidung war, die ich treffen konnte, den Hanse Gravel auch zu Ende zu fahren. Ich war motiviert und hätte an dem Abend auch noch weiterradeln können. Doch gleichzeitig hatten alle Hunger und ein Campingplatz lag ganz in der Nähe – mit der Option zu duschen. Da wir eh schon auf Erlebnis vor Ergebnis – Bikepacking Tour waren, kehrten wir natürlich erstmal ein und beschlossen die Reise für den Tag auch auf besagtem Campingplatz zu beenden. Und so eine Dusche ist nach dem ganzen Sand und Schweiß der letzten zwei Tage auch nicht zu unterschätzen, feuchte Kosmetiktücher oder Baby-Feuchttücher hin oder her ;-).

Fotos: André K,

Ribnitz-Damgarten > Stralsund > Greifswald > Wolgast > Usedom (Ückeritz): ca. 140 km

4. Tag: Usedom nach Stettin – Zieleinfahrt

Ein Morgen auf Usedom

Ich liebe das Meer! Und so nah an der Küste zu schlafen, war einfach großartig. Trotz Packrummel und Aufbruchstimmung musste ich wenigstens einmal kurz zum Strand laufen. Seufz. Das war Entspannung pur. Eine am Horizont aufgehende Sonne, die typische frische Brise und diese unglaublich wohltuende frische Luft – besser konnte ein Tag kaum beginnen. Außer vielleicht noch mit der Aussicht auf ein Bäckerfrühstück ein paar Kilometer weiter. Die Vorfreude auf den morgendlichen Snack wurde nur ein bisschen durch die berühmten Usedomer 16%-Berge getrübt, die mit einem kurzen, aber knackigem Anstieg direkt vor uns lagen. Aber alles kein Problem, auch die waren schnell überwunden und ich hatte einfach richtig Bock Radzufahren.

Die morgendliche Fahrt durch die hübschen Küstenorte Heringsdorf und Ahlbeck war fast schon kitschig schön, mit den perfekt sanierten Strandvillen und dem Blick aufs Meer direkt an der Panoramastraße. Leider verpassten wir hier Bettina, unsere Mitstreiterin vom Vortag, die sich eigentlich wieder anschließen wollte. Doch glücklicherweise sollten wir sie später am Abend noch wieder treffen. So ging es in der 6er-Gruppe weiter. Wir machten kurz darauf einen kleinen Abstecher nach Polen, als wir eine Abzweigung verpassten und plötzlich an der Grenzmarkierung standen. Na gut, die Gelegenheit ließ sich ja dann auch gleich für ein schnelles Fotoshooting nutzen :-D.

Foto an der Grenze: Marcus D.

Doch tatsächlich brachte Usedom etwas später so einige Herausforderungen mit sich. Neben dem mittlerweile fast schon gewöhnlichem Sand, kamen ein paar weitere, fordernde Untergünde dazu. Die Kilometer, die wir entlang oder besser übers Feld hoppelten, möchte ich gar nicht viel näher ausführen (inklusive Löcher im Boden, Steinen und natürlich Sand). Ich gebe zu, meine Laune sank da doch etwas in den Keller. Dagegen war das Kopfsteinpflaster am Tag zuvor ein Kinderspiel gewesen. Der Wind sollte etwas später auch noch eine gewichtige Rolle spielen. Doch zunächst besserte sich meine Stimmung wieder ein wenig, als wir an der Stahlbrücke in Karnin vorbeikamen. Die alte Eisenbahnhubbrücke wurde im Krieg zerstört. Nun steht nur noch ein riesiges Gerüst im Peene Strom zum Stettiner Haff, das früher einmal eine Verbindung zum Festland geboten hatte. Beeindruckend und sehenswert!

Gegen den Wind

Wir verließen die Insel Usedom über die Hubbrücke bei Zecherin und fuhren vorbei an einem ganz besonderen Naturspektakel und Richtung Naturschutzgebiet Peenetalmoor. Die aus dem Wasser ragenden Holzstämme wirkten irgendwie surreal und abgestorben. Und dennoch waren hier viel Leben zu entdecken und unglaublich viele Vögel im Wasser und Schilf zu beobachten. Es fiel mir schwer, hier einfach weiterzufahren. Doch der Weg nach Stettin war noch weit…

Weiter ging es für uns im Bogen über Anklam und Richtung Ueckermünde. Wieder näher am Meer bließ uns schließlich der Wind so stark entgegen, dass wir begannen in Formation zu fahren. Wir waren zu sechst unterwegs, was perfekt für eine zweifache Dreierkombi taugte. Ich war allerdings unerfahren mit diesen ganzen Gruppenfahrten und im Windschattenfahren. Doch zum Glück gab es da eins, zwei erfahrene Mitstreiter, die fleißig dezente Anweisungen gaben, sodass wir innerhalb kürzester Zeit eine – in meinen Augen – perfekte Fahreinheit bildeten. Auf einmal macht es sogar Spaß gegen den Wind zu kämpfen, da wir uns immer wieder abwechselten im Voranfahren. Ich spürte, wie stark wir gemeinsam sein konnten. Manchmal ist es eben doch schöner zusammen zu fahren, als immer nur allein zu kämpfen.

Durch die Einsamkeit des Nordens

In Ueckermünde legten wir eine Mittagspause ein. Während die anderen erneut eine Bäckerei beehrten, gönnten André und ich uns eine Pizza zum Mitnehmen in der örtlichen Pizzeria. Wobei wir uns so miefig wie wir vermutlich rochen, etwas fehl am Platz in dem doch recht schicken Lokal fühlten. Egal. Ein ordentliches Mittagessen musste sein, schließlich lagen noch ein paar Kilometer vor uns bis Stettin. Wir alle wollten an diesem Sonntag in der polnischen Stadt ankommen. Am vierten Tag auf der Hanse Gravel Route stand uns der längste Streckenabschnitt bevor, da wir am Abend zuvor auf Usedom doch ein paar Kilometer früher gehalten hatten, als geplant. Dementsprechend waren die Pausen an diesem Tag etwas kürzer.

Glücklicherweise war im Vergleich zu den Vortagen auch die Strecke irgendwann weniger holprig und anstrengend und es lagen deutlich mehr Straßenabschnitte oder gut fahrbare Waldwege auf unserer Tour. Ab Ueckermünde trafen wir immer weniger Menschen, die Orte waren klein und wirkten fast schon unbewohnt. Nach wie vor gefiel mir die Tour jedoch sehr gut. Ein absolutes Highlight war ein Waldabschnitt kurz vor der polnischen Grenze, in dem ein schmaler Pfad in Schlängellinien durch den Forst führte. Die Stimmung stieg hier gewaltig, denn ich konnte dort beschleunigen und mit Schwung immer wieder in die nächste Kurve hineinfahren. Großartig. Mit Jauchzen ging es durch den Wald und ich war fast ein wenig traurig, als wir schließlich wieder auf eine breitere Straße kamen.

Endspurt: Hallo Stettin!

Schließlich erreichten wir die Grenze zu Polen. Ein weiterer Meilenstein und Fotostopp für alle! Endspurt. Hier bekamen wir auch noch einen weiteren Mitfahrer dazu. Einige Teilnehmende des Hanse Gravel hatten sich vorgenommen am Sonntag ins Ziel einzufahren.

Ich hatte allerdings nicht so gute Erinnerungen an das Radfahren in der polnischen Grenzregion. Ja, wir fuhren mehr Straße, doch leider war der Verkehr hier teilweise nicht auszuhalten. Als wir nach Stettin reinfuhren, sehnte ich mich sehr zurück in die Einsamkeit des Waldes. Durch einen großen Park und gefühlt im Zickzack befanden wir uns auf der Zielgeraden – doch die zog sich wie Kaugummi. Noch ein paar Rehe im Stadtpark aufgeschreckt, die imposanten Gebäude bewundert, versucht eine Baustellenumfahrung zu umgehen und schließlich hatten wir es geschafft! Am Sonntagabend trafen wir als Gruppe im Hotel in Stettin ein, in dem das Hanse Gravel 2019 Zielbuch hinterlegt worden war. Ich war so glücklich, unglaublich hungrig und auch ein wenig stolz auf mich! Nie hätte ich erwartet, dass diese Bikepacking Tour sich so entwickeln würde.

Der krönende Abschluss war auf jeden Fall das gemeinsame Abendessen und der Blick in die erschöpften aber glücklichen Gesichter der anderen. Die Nacht verbachten wir in Stettin im Hotel, um dann am nächsten Morgen mit dem Zug gen Heimat aufzubrechen. Die Anbindung nach Berlin war ja glücklicherweise sehr gut und schnell, sodass ich das sehr entspannt betrachtete. Und das wars. Der Hanse Gravel 2019 ging nun auch für mich zu Ende. Danke René für diese tolle Strecke! Danke an meine verrückt, chaotische, liebenswerte Truppe ohne die die Reise nur halb so großartig geworden wäre!

Usedom (Ückeritz) > Usedom > Anklam > Ueckermünde > Stettin: ca. 158 km

Fazit Hanse Gravel 2019: Ich würde sofort wieder losfahren!

  • Die Basis: ca. 620 km lange Bikepacking Tour von Hamburg nach Stettin auf Grundlage des Hanseatenweges
  • Details: entlang der Ostsee u.a. durch die (Hanse-) Städte: Lübeck, Rostock, Wismar, Stralsund, Wolgast, Anklam, Ueckermünde
  • Zeit: gefahren in vier Tagen (Donnerstag bis Sonntag)
  • Höhe: knapp 2.000 hm
  • Untergründe: unzählige Sandkästen, Feldwege, Schlamm, Lochbetonplatten und wunderschöne Waldwege durch- und überquert
  • Overnighter: drei Nächte draußen geschlafen, eine Nacht im Hotel (am Ziel in Stettin)
  • Quintessenz: Regelmäßig essen hilt der Stimmung! Mittagessen in der Sonne in diversen Hansestadt-Häfen auch.
  • Lieblingslebensmittel: (alkoholfreie) Biere, Nüsse und Eiscreme
  • Pflegeprodukte für die Langstrecke: Popocreme und feuchte Kosmetiktücher ftw.
  • Defekte: zwei gebrochene Wolftooth-Schienen (Kabelbinder sind das neue Gaffa-Tape!); keine Platten (bzw. einen Schleicher, doch nicht bei mir ;-))
  • Geteilte Ausrüstung: Die Gruppensocke – ergo alte Socken eignen sich perfekt zur Kettenpflege. (Martin <3)
  • Highlight: Das Gruppenerlebnis, die besten Mitfahrenden, die ich mir nur vorstellen konnte, unendlich viel Gelächter und die wahnsinnig schöne Natur des deutschen Nordens. Deutschland ist schön!

Danke für dieses unvergessliche Erlebnis!

Teil 1 des Hanse Gravel Berichts findet ihr hier: Geselliges Graveln durch den norddeutschen Sandkasten

Teil 2 des Hanse Gravel Berichts findet ihr hier: Hanse Gravel 2019 – Nach dem Regen folgt Matsch

Und hier gibt es die Komoot Collection zum Hanse Gravel 2019!

2 Comments

  1. Ahoi,

    als Pirat behaupte ich: die besten Mitfahrer sind immer die, die man gerade hat. Und wären das nicht die Besten, hätte man sie nicht.

    Wer dem Gunnar zuhört, hört gleiches über Räder und Ausrüstung, denn was man dabei hat, ist in Ermangelung von Alternativen, immer das Beste.

    Bei Menschen verhält es sich ein bisschen anders, aber nur ein bisschen. Wir finden als Gruppe zusammen, wenn und so lange es funktioniert. So zumindest meine Erfahrung. Es gibt bestimmt unter den Bikepackern auch Kackbratzen, schau Dir mich an, aber auch die bleiben dann unter sich, bilden ein Grüppchen und freuen sich über ihre Gesellschaft. Das Schicksal des gemeinsamen Weges führt uns zusammen und wenn das Tempo und die Gemütslage stimmen, sind ganz besondere Begegnungen möglich. Und für mich auch unabdingbarer Teil det Janzen.

    Schöne Erzählung und ich bereue kein bisschen, nicht mitgefahren zu sein, weil Du so schön davon erzählen kannst.

    Liebe Grüße,
    Bernd

    • <3 Ich habe deine Gesellschaft zumindest immer sehr geschätzt, du oller Grummel-Pirat. Und es wäre sicher auch schön gewesen, dich beim Hanse Gravel zu sehen. Dennoch kann ich auch die Neigung nachvollziehen, allein unterwegs zu sein. Denn da bestimme ich, wie ich unterwegs sein möchte. Ich kann keinen beeinflussen und werde nicht beeinflusst. Das wäre in diesem Fall auch ein völlig anderes Erlebnis gewesen. Vielleicht wäre ich in den Zug gestiegen, hätte ich die Tour allein gemacht? Keine Ahnung. Und sicher sind auch Radfahrende nur Menschen - nette und weniger nette. Ich bin auch nicht immer nett ;-). So war es auf jeden Fall ein tolles Erlebnis - eben auch weil wir die Erfahrungen teilen konnten. Ich freue mich auf jeden Fall drauf, dich irgendwann einmal wieder irgendwo zu sehen! Bleib gesund!

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