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Winter am Gardasee – Mit Bahn & Rad ins MTB Paradies

Die Weihnachtszeit und die Zeit zwischen den Jahren sind mittlerweile die Tage, in denen ich mich am liebsten zurücklehne und etwas entspanne. Es ist die perfekte Urlaubszeit nach vielen, tollen, ereignisreichen Monaten. Auch Ende 2019 sehnte ich mich nach dieser Auszeit und einem entspannten Jahresausklang. Der Wunsch schnell ins Warme zu düsen, war definitiv vorhanden. Schließlich gewann jedoch der Gedanke möglichst nachhaltig zu reisen die Überhand. Tolle Reiseziele gibt es zahlreich, doch schon lange steht die Region um den Gardasee relativ weit oben auf meiner Europa-Reiseliste. Und natürlich wollte ich dort auch Radfahren! Warum also nicht einfach jetzt?

Hinweis: Hier wie immer der übliche Hinweis, dass ich Markennamen benutze und das Werbung sein kann, allerdings ohne Auftrag. Auch die Bahn zahlt mir nichts, dafür, dass ich sie gern nutze.

Nun, es gibt deutlich wärmere Orte in Europa im Winter als Norditalien. Doch im mag den Gedanken in der Nebensaison an Orte zu reisen, die sonst sehr überlaufen sind. Für viele Münchener schon lange zum Naherholungsort Nr. 1 erkoren, bedeutet eine Reise zum Lago di Garda für mich Berliner Pflanze jedoch deutlich mehr Zeitaufwand. Dennoch stand das Ziel fest: Italien ich komme!

Um das Ganze noch etwas spannender zu machen, beschlossen wir (mein Freund und ich) spontan, Fahrräder mitzunehmen. Manchmal ist es sicherlich einfacher ein Rad vor Ort zu leihen, als es in den Flieger zu schieben oder in den Kofferraum zu pressen. Wobei weder das eine, noch das andere Optionen für mich waren. Denn erstens wollte ich nicht fliegen und zweitens habe ich gar kein Auto. Außerdem war da der Wunsch, lieber ein Fahrrad mit auf die Reise zu nehmen, als es vor Ort auszuleihen – und das nicht nur aufgrund der hohen Leihkosten (mehr dazu im Folgeblogpost).

Das Rad muss mit.

So. Und was nun? Viele Alternativen gibt es nicht oder sie wirken auf den ersten Blick kompliziert. Doch ich habe schließlich das gemacht, was ich so gut wie immer mache, wenn ich in Deutschland reise: Ich wollte mit dem Zug fahren. Ob das so eine gute Idee war und wie die Reise schließlich verlaufen ist, möchte ich euch nun berichten.

Doch zunächst hörte ich mich um, wo ich kurzfristig und über die Feiertage ein Mountainbike organisieren konnte, denn ein eigenes besitze ich noch nicht. Zum Glück gibt es auch für freie Autoren und Bloggerinnen wie mich den Pressedienst Fahrrad als Ansprechpartner und innerhalb von einer Woche hatte ich ein astreines Fully im Wohnzimmer stehen – pünktlich einen Tag vor Abreise geliefert. Vielen, vielen Dank, dass das so unkompliziert und schnell geklappt hat! Mehr zum Cannondale Scalpel Si folgt dann im nächsten Blog-Beitrag!

Mit Bahn & Rad durch Europa

1. Die Planung

Sicherlich mussten wir bei der Reiseplanung mit Bahn & Rad einiges zusätzlich berücksichtigen. Von Abstellmöglichkeiten im Hotel für die teuren Räder, über Reservierungen im Fahrradabteil und beschränktere, teilweise zeitintensivere Reisemöglichkeiten.

Ich verbrachte einige Stunden auf den Seiten der deutschen Bahn, suchte die kürzesten Verbindungen, checkte Nachtzüge und Umstiegszeiten. Dazu muss ich wohl gestehen, dass es mir schon etwas Spaß macht, zu stöbern und zu vergleichen, um preislich und zeitlich das bestmögliche rausholen zu können. Vermutlich kann man das Ganze auch etwas beschleunigen bzw. direkt ins Reisezentrum gehen. Ich legte jedenfalls eine Tabelle an, um den Überblick zu behalten. Denn wir wollten nicht nur hin- und zurück reisen, sondern außerdem noch über Silvester auf dem Rückweg einen Zwischenstopp bei Freunden in Baden-Württemberg einlegen. Leider war es um diese Jahreszeit nicht möglich ein Fahrrad im Nachtzug zu transportieren, sodass ich schließlich auf eine Tagesreise mit Bahn & Rad setzte. Hier also die Fakten:

VonBisUmstieg/ Umstiegszeit gesamtDauerStartZielReservierungen
04:2814:171x, 00:17 h09:49 hBerlin HbfRoveretoInternat. Fahrradkarte + Sitzplatzreservierung
07:0317:213x, 02:10 h10:18 hPeschiera del GardaLudwigsburgInternat. Fahrradkarte + Sitzplatzreservierung
14:2121:342x, 00:39 h07:13 hLudwigsburgBerlin Ostbhf.Fahrradkarte Fernverkehr + Sitzplatzreservierung

Ok, 10 h Reisezeit sind erstmal ein Brett! Aber nichts, was ich nicht zuvor schon gemacht hätte. Und ganz ehrlich: die einzige schnellere Option wäre der Flieger gewesen. Nur ist die Frage, ob das heutzutage eine wirkliche Alternative ist, vor allem wenn man anders und in meinem Fall auch entspannter ans Ziel kommen kann.

Über das Reisen im Zug

Hinzu kommt, dass ich einfach gern Zug fahre. Warum? Darum:

  1. Ohne Flüssigkeits- oder strenge Gepäckgewichtsbeschränkung wie im Flieger nehme ich eben mit, was ich brauche.
  2. Ich muss nur pünktlich am Gleis sein & hoffen, dass der Zug es auch ist, steige ein und dann geht alles von allein & ich kann mich bestenfalls zurücklehnen (definitiv, wenn der Platz vorab reserviert wurde).
  3. Ich kann aufstehen, mich strecken, ins Bordbistro wandern, lesen, schlafen, arbeiten, quatschen. Kurzum: mich quasi frei bewegen ohne Angst vor einer Thrombose zu haben wegen Platzmangel.
  4. Das Rausschauen und Beobachten wie die Landschaft vorbeizieht und sich verändert, kann mitunter Stunden in Anspruch nehmen. Gerade eine lange Zugreise bietet einige Ausblicke. Vom flachen Brandenburg durchs bergige Thüringen bis hin zu den Alpen in Österreich gibt es so viel zu sehen: Eben noch klarer Himmel und Sonnenschein, plötzlich eine dichte Nebelwand im engen Tal, breite Flüsse, große Städte, alte Dörfer. So schön.

2. Der Fahrkartenkauf

Wie das nunmal so ist mit der Deutschen Bahn bzw. der Verknüpfung von DB und anderen Bahnanbietern in Europa, ist es leider nicht möglich die Internationale Fahrradkarte selbst zu buchen. Somit besuchten wir vor der Buchung unserer Bahntickets zunächst ein Reisezentrum der DB, um sichergehen zu können, dass auch unsere Fahrräder einen Platz im Zug erhalten. Erst danach kaufte ich die anderen Fahrkarten.

“Also die Fahrradstellplätze habe ich. Aber ich kann die Fahrkarten nicht buchen(…)Guck mal, das geht nicht”. “Soll ich mal schauen? Wo geht es denn hin? Rovereto, ja?…hm nee, da wird nichts angezeigt. Ich telefoniere mal kurz und frage nach.” “Das liegt am italienischen Buchungssystem. Da kann gerade kein Fahrradticket gebucht werden.” “Ah, das liegt an der Fahrplanumstellung. Da müssen Sie nächste Woche nochmal wiederkommen! Dann machen wir das. Aber die Stellplätze haben wir schon reserviert. Das ist ja das Wichtigste. Wir müssen dann nur noch die Tickets nachbuchen.”

Im Gespräch mit den äußerst freundlichen DB-Reisezentrum-Mitarbeiterinnen in Berlin Ostbahnhof.

3. Mit dem Fahrrad im Fernzug

Tja, ja die Fahrplanumstellung Mitte Dezember kann so einige Überraschungen mit sich bringen. Doch schließlich hat alles funktioniert und wir fuhren schließlich am 19.12. mit dem 1. Zug um halb fünf Uhr Morgens von Berlin nach München. Nicht unbedingt meine Uhrzeit, dafür war der neue ICE 4 recht leer und genug Platz zum Ausbreiten und Schlafen. Die Fahrräder waren sicher in ihren Halterungen eingehakt, die selbst die MTB Reifen aufnahmen. Noch eine Überraschung, denn das hatte ich schon anders erlebt. Mir ging es nicht ganz so gut, hatte mich doch zwei Nächte vor der Abreise eine Magenverstimmung erwischt. Ich fühlte mich an unserem Reisetag mehr schlecht als recht, jedoch deutlich besser als noch am Vortag. Ich war mehr als einmal froh, dass dieses Cannondale so ultraleicht ist und, dass ich im Zug einfach weiterschlafen konnte.

Ach ja, falls sich einige wundern: Die neuen ICE habe auch Fahrradabteile und die Möglichkeit der Fahrradmitnahme gibt es mittlerweile auf einigen Hauptstrecken. Eine wahre Erleichterung, wenn ich an das Tuckern im EC und Regio denke (was wir auch auf dem Rückweg erlebten).

Wegen der Stellplätze hätten wir uns jedenfalls dieses Mal nicht sorgen müssen. Wir waren auf der ganzen Strecke die einzigen mit Fahrrädern im Zug – ein weiterer Vorteil der Nebensaison. Schneller und unkomplizierter konnten wir an diesem Tag mit Rad jedenfalls nicht reisen. Super pünktlich trafen wir in München ein. Die 17 Minuten Umsteigezeit waren schon fast das Minimum, dass ich beim Reisen mit Bahn & Rad als komfortabel ansehe – es sei denn der Folgezug steht direkt am Nachbargleis. Kurz nach 9:30 Uhr fuhren wir dann in München ab. Wir hatten für die komplette Fahrt Verpflegung dabei und ich glücklicherweise auch einen liebevollen Pfleger. Bei Zweiback und in Gemüsebrühe gekochtem Reis ging die Genesung zwar langsam, aber stetig voran.

Über deutsche, österreichische und italienische Fahrradabteile…

Nach einer ausblicksreichen Fahrt mit der vollen ÖBB kamen wir am frühen Nachmittag im schönen Rovereto an, 23 km von Riva del Garda entfernt. Die Räder waren während dieser Fahrt in einem Fahrradwagen verstaut gewesen, der nur von einem Zugbegleiter betreten werden darf. Dafür wurde die Wagentür zum Bahnsteig hin aufgeschlossen und wir mussten die Räder hineinreichen und dort auch wieder abholen. Beim Ausstieg hing bereits das Hinterteil des ersten Fahrrads aus dem Wagen heraus. Der Zugbegleiter wollte offensichtlich weiter… Nun denn. Alles heil, alles da, Jule glücklich.

Ich würde sagen, die Fahrräder und wir erlebten die volle Bandbreite an Fahrradabteilen zwischen Deutschland und Italien. Denn während der Weihnachtsfeiertage reisten wir weiter in den Süden vom Gardasee nach Peschiera del Garda. Hier nutzten wir auch zum ersten Mal italienische Züge von Trenitalia.

Gemeinsam haben die meisten Züge, dass die Räder eingehangen oder gar geklemmt werden (letzteres hatten wir zum Glück nur einmal in einem italienischen Regio). Um herauszufinden, welche italienischen Regionalzüge ein Fahrradabteil haben, nutzte ich die Website von Trenitalia bzw. die Mobile App. Ein kleines Fahrradsymbol deutet dort auf eine Mitnahmemöglichkeit hin. Aber Achtung, nicht jeder italienischer Regio hat ein Fahrradabteil und die sind dann oft nur durch enge Türen bzw. über eine Treppe erreichbar! Da kann es mit Bahn & Rad schon etwas herausfordernder sein. Für unsere Rückfahrt bedeutet es, dass wir über 1,5 Stunden Aufenhalt in Verona hatten, weil nur ein Regio in 2 h Fahrräder transportiert hat. Zumindest hatten wir dort Zeit das Frühstück nachzuholen ;-). Allerdings kann man das Fahrrad zerlegt und verpackt bis zu den Maßen 80x110x40cm mitführen: Mehr zu italienischen Beförderungsbedingungen mit Fahrrad.

Mit dem MTB in einem italienischen Fahrradabteil – kann eng werden… Zum Glück gab es diese Felgenklemmer für uns nur in diesem einen Zug.

Tickets in Italien

Gekauft habe ich die Tickets in Italien entweder über eine App (in der Region Trentino bietet sich Open Move an, sehr übersichtlich und einfach), am Schalter oder über die Ticketautomaten. Hier muss man drauf achten, dass die ausgedruckten Tickets noch entwertet werden müssen. Dafür stehen im Bahnhofsgebäude und oft auch am Gleis Automaten bereit. Das Fahrradticket kostete Ende Dezember 2019 gerade mal 3,50 €.

Und was kostet die Reise mit Bahn & Rad nach Italien?

Die nackte Wahrheit: Der Spaß war nicht günstig, aber sehr zufriedenstellend. Insgesamt ergaben sich folgende Reisekosten, inklusive Bahncard 25 Rabatt. Nicht mit eingerechnet sind die kürzeren Zugfahrten, die wir in Italien unternommen haben, sondern nur die An- und Abreise aus/nach Deutschland.

Betrag pro PersonArt
39,50€ Sitzplatzreservierungen & Fahrradkarte
73,10€Hinfahrt
107,65€Rückfahrt, Teil 1
50,90€Rückfahrt, Teil 2
271,15€

Es ist viel, aber in Anbetracht der zurückgelegten Strecke auch nicht übermäßig teuer. Durch den Abstecher über BW war die Rückreise etwas kostenintensiver als der Hinweg. Reisezeiten, der Buchungszeitpunkt usw. sind ebenso ausschlaggebend für den Endbetrag. Tendenziell gilt bei der Deutschen Bahn – je früher du buchst, desto günstiger ist es. Und um kurz noch die üblichen Vorurteile gegenüber Zugreisen anzusprechen: Ich reise sehr viel mit der Bahn, habe mich auch schon oft geärgert über Verspätungen, Zugausfälle, Störungen. Doch der Großteil meiner Reisen erfolgt völlig unauffällig und bequem. Obwohl wir nach Italien eine lange Strecke zurückgelegt haben, lief alles einwandfrei. Wir hatten nicht einmal Angst den Anschluss zu verpassen und die Züge keine nennenswerten Verspätungen. Ich würde es definitiv wieder so machen!

Reisezeit ist wertvoll!

Denn für mich ist das mitunter längere Zugreisen keine Zeitverschwendung oder gar Verschwendung von Lebenszeit. Natürlich dauert es auf solche Distanzen hin länger, als mit dem Flugzeug. Günstiger ist es auch nicht. Doch viel mehr erlebe ich die Reise als das, was sie eben ist. Es ist ein Zurücklegen von Distanzen, von Entfernungen und dies wird mir ganz deutlich bewusst. Sicherlich habe ich diese Zeit nicht immer, besonders wenn ich beruflich über deutsche Grenzen hinweg unterwegs bin. Doch privat kann ich mich möglichst oft dafür entscheiden. Auch mein Geist kann dieser Reise anders folgen, besser verstehen, welche Strecke ich gerade zurücklege und schon zurückgelegt habe. Genau dieses Erlebnis genieße ich auch beim Radfahren so sehr. Es ist der Weg, der mich realisieren lässt, dass ich mich von zu Hause entferne, immer weiter und weiter. Die Landschaft verändert sich, die Orte, die Sprache. Und dann komme ich an und bin bereit für all die neuen Eindrücke.

Falls ihr noch mehr übers Langstreckenreisen mit der Bahn lesen wollt, lege ich euch folgende dreiteilige Serie ans Herz, die Gunnar Fehlau für das Fahrzeit-Magazin geschrieben hat: “Flugfrei nach Mallorca“. Da lief nicht alles so rund wie bei mir…

Fotos von mir und Jan B.

Radfahren in der Emilia Romagna: Über den Torre di Oriolo nach Brisighella

Italien= Pizza, Pasta und Amore! Mehr nicht? Man könnte manchmal meinen, in dem südeuropäischen Land dreht sich alles nur um Essen und Liebe, zumindest aus Touristensicht. Doch weit gefehlt – auch Kaffee und Wein spielen eine sehr große Rolle und werden gern und viel genossen! Was soll man bei den zahlreichen Spezialitäten und dieser guten Küche auch machen? Ich hätte wirklich am liebsten den ganzen Tag gegessen und getrunken. Doch ich habe es tatsächlich geschafft neben den kulinarischen Genüssen, auch etwas Bewegung in meinen Italientrip zu bekommen: #ERCycling! Was ich in der Emilia-Romagna so erlebt habe, erfahrt ihr in diesem Blogpost!

Teil 1 des Berichts gibt es unter: Radfahren in der Emilia Romagna: Von Therme, Olivenöl und Wein


Hinweis!

-WERBUNG-  Dies ist der Bericht über eine Bloggerreise. Die Reisekosten wurden übernommen. Die Erfahrungen und Bewertungen sind meine eigenen ;-). Eingeladen wurde ich vom Tourist Board Emilia-Romagna und terrabici.com, ein Zusammenschluss von auf Bikesport spezialisierten Hotels, der die Fahrradregion Emilia-Romagna auf internationaler Ebene fördert, u.a. durch gezielte Marketingstrategien. Für uns drei deutsche Fahrradbloggerinnen wurde ein individuelles Programm (#bicibloggertedesche) zusammengestellt. Das beinhaltete nicht nur die Unterkunft und ein Rahmenprogramm, sondern auch Ausfahrten mit bereitgestellten Fahrrädern und persönlichem Guide (Ex-Mountainbike-Profi Fabio Gioiellieri von #appennino bike), der in der Region zu Hause ist.


#ERCycling: Zwischen Faenza und Imola

Direktlinks zu den Highlights:
  1. Torre di Oriolo
  2. Brisighella, das Olivenöl, der Wein
  3. Pieve del Tho

1. Tag: Feucht-fröhliche Radtour mit Olivenöl und guten Aussichten

Es gab so einige Highlights und besondere Orte, die wir entdecken und besuchen durften. Tag eins auf dem Fahrrad startete mit leider sehr durchwachsenem Wetter und auf dem Weg, der zunächst mehr oder weniger parallel zum Fluß Senio führte, nieselte es immer mal wieder. Über das hübsche Castel Bolognese (nach ca. 12km) führte die Route vorbei an zahlreichen Wein-, Kiwi- und Sharonanbaugebieten nach Faenza (nach ca. 21 km).

Kurz vor der Stadt hörte es auf zu regnen und wir pellten uns schnell aus den Regenjacken, denn es wurde auch immer wärmer. Die Kleinstadt, die es schon zu Zeiten der Römer gab, ist bereits seit der Renaissance bekannt für ihre Tonwaren und verfügt u.a. über ein berühmtes internationales Keramikmuseum und einige reizvolle Architektur aus dem Mittelalter. Wir streiften die Stadt jedoch nur kurz, denn unser Ziel war ein unweit von Faenza liegender Turm:

Torre di Oriolo dei Fichi

Der erste wirkliche Kletterei lag vor uns und ich kam das erste Mal an diesem Tag richtig ins Schnaufen. So schaltete ich einige Gänge hinunter, um den Anstieg zu bewältigen, doch der Weg lohnte sich: Die Via di Oriolo führte uns hinauf zum mittelalterlichen Torre di Oriolo dei Fichi und bot einige traumhafte Ausblicke ins Tal. In der Region wird unter anderem Wein, aber auch Obst und Getreide angebaut. Außerdem wird der Tourismus immer wichtiger und so bieten viele Anwohner auf ihren Gütern Unterkünfte an. Sie haben sich als landwirtschaftliche Vereinigung zusammengeschlossen und wollen so gemeinsam den Agritourismus fördern.

Die Associazione per la Torre di Oriolo kümmert sich um den alten Turm. Zu ihnen gehört auch Mauro Altini von La Sabbiona, der ein Weingut mit Pension betreibt, wo die ganze Familie mitwirkt. Mauro führte uns herum und erzählte etwas über die jahrhundertealte Geschichte. Dieser einmalige, 17 m hohe Festungsturm hat eine hexagonale Form und stammt aus dem 15. Jahrhundert. Die 2,8m dicken Backsteinwände umschließen 5 Etagen, zwei davon unterirdisch. In den Sommermonaten eignet sich der Turm für Veranstaltungen aller Art. Auch Fahrradtouristen sind dort sehr willkommen.

Highlight: Der Ausblick vom Torre di Oriolo

Unsere Führung endete oben auf der großen Terrasse des Torre und ermöglichte einen wunderschönen Blick über die Weingüter und bis hin zum Meer der Adria. Nachdem Mauro uns noch auf einen Espresso auf seinen Hof eingeladen hatte, radelten wir schließlich weiter.

Zwischen Regenbögen und nassen Radhosen

Lange war uns die Trockenheit nicht gegönnt. Auf unserem Weg zurück Richtung Faenza und dann weiter gen Brisighella verdichtete sich die Wolkendecke rasant. Als wir ein Stück auf der Landstraße fuhren, brach es schließlich doch wieder über uns herein. Also Regenjacke wieder an und ab ging die Fahrt. So ein bisschen Nässe hält uns nord-/ostdeutschen Damen (WiebkeWie, hamburgfiets) doch nicht auf.

Ich kann im Nachhinein gar nicht mehr sagen, wie viele Regenbögen uns dieses wechselhafte Wetter beschert hat. Nach einigen Kilometern ging der Regen schließlich wieder in ein Nieseln über. Wir fuhren natürlich alle ohne Schutzbleche am Rad, klar oder? Denn breit bereifte Fahrräder fürs Gelände haben so etwas grundsätzlich nicht vormontiert, was meistens alles irgendwie Sinn ergibt. Doch in diesem Moment hätte ich mir wirklich Ansteckschutzbleche gewünscht…

Ich kam jedenfalls an diesem Tag das erste Mal in meinem Leben in den Genuß einer vom Regenwasser vollgesogenen Radhose (jaaaa, ich hatte keine Regenhose dabei, selbst Schuld und so…). Möchtet ihr noch mehr Details wissen? Nein? Gut. Also nachdem wir im wunderschönen, mittelalterlichen Brisighella angekommen waren – einem für sein Weltklasse Olivenöl bekannten Ort – suchte ich erst einmal die Örtlichkeiten des angesteuerten Lokals auf. Einen Fön oder Handtrockner gab es da zwar nicht, aber falls ihr einmal in eine ähnliche Situation geraten solltet, empfehle ich euch Papierhandtücher.

Wie die zum Einsatz kamen, dürft ihr euch selbst ausmalen… Effektiv war die Notmaßnahme zum Hosetrocknen auf jeden Fall! Doch genug davon! Kommen wir zu wichtigeren Dingen: Essen!

Brisighella, das Olivenöl und der Wein

Auf uns wartete eine Olivenölverkostung und eine Brotzeit mit Käse und Wurst der Region im lokalen Feinkostgeschäft Terra di Brisighella. Ich mag Olivenöl. Sehr. Und das gute italienische Öl einfach nur mit Brot aufzusaugen und dann direkt zu essen, war schon toll.
 

Natürlich musste ich nach der Pause auch noch eine Flasche des “Nostrana di Brisighella” Olivenöls kaufen. Glücklicherweise konnte ich es der Dame des Emilia-Romagna Tourismus Boards mitgeben, die zur Verkostung gekommen war. Ich muss zugeben, dass ich etwas erleichtert war und froh, dass ich die 750ml Glasflasche nicht in der Trikottasche mitführen musste!

Gourmet Tipp: Der Feinkostladen Terra die Brisighella

Denkt also unbedingt daran, eine Tasche dabei zu haben, wenn ihr den Laden Terra di Brisighella ansteuert. Dort gibt es noch viele andere tolle Produkte, wie Weine, Aufstriche und Seifen, die auch ein großartiges Mitbringsel für die zu Hause Gebliebenen abgeben.

Oliven und Wein

Bekannt ist Brisighella vor allem aufgrund des hochwertigen Olivenöls und durch den Weinanbau. Das Gemeindegebiet entlang des Lamone-Tals hat eine lange landwirtschaftliche Geschichte. Die Olivenkultur geht über tausend Jahre zurück und auch Wein wird dort schon sehr lange angebaut. Um die 70.000 Olivenbäume werden hier bewirtschaftet. Die Lage ist geografisch bevorteilt, denn durch die umliegenden Hügel sind die Haine vor kalten Winden geschützt und die Kreidefelsen speichern Wärme, was sich positiv auf den Anbau auswirkt. Die ansässigen Bauern haben sich zu Genossenschaften zusammengeschlossen, um die lokale Produktion aufzuwerten. Etwa 300 Olivenbauern gründeten 1972 eine Kooperative, die Cooperativa Agricola Brisighellese (Landwirschaftliche Genossenschaft von Brisighella). Ca. 90% der Olivenbauern sind Mitglied. Die Weinbaugenossenschaft umfaßt praktisch alle Weinbauern (ca. 575 Winzer).

RotweinartenWeißweinarten
In sonniger Hügellage wachsen der Sangiovese, der Merlot, der Cabernet-Sauvignon und der Ciliegiolo. Weißwein wird im Talgrund angebaut und umfasst Albana di Romagna, Trebbiano, Pignoletti, Pinot Bianco, Chardonnay und Sauvignon.
Nicht verpassen in Brisighella:
Bevor wir weiter radelten, konnten wir uns den Abstecher auf die alte Eselstraße “Antica Via Degli Asini” nicht entgehen lassen. Dieser heute als Spazierweg genutzte Gang ist eine durch zahlreiche Bögen gestaltete Hochstraße, die durch die mittelalterliche Altstadt von Brisighella führt.
 

Was früher eine Verteidigungsbrüstung war, wurde später eine Anlaufstelle für die Fuhrleute, die ihre Stallungen für die Zugtiere unter den Torbögen hatte. Radfahren könnte man da vielleicht, sollte man aber aufgrund der zahlreichen Stufen und Bodenwellen wohl sicherheitshalber eher lassen.

Geheimtipp Pieve del Tho:

Von alten Kirchen…

Bevor wir den größten Anstieg des Tages mit doch recht vollem Magen in Angriff nahmen, fuhren wir mit den Rädern ein Stück aus Brisighella heraus zu einer kleinen katholischen Kirche romanischer Bauweise. Die Pieve del Tho ist eine der ältesten Pfarreien des Lamonatals und stammt vermutlich aus der Zeit zwischen dem 8. bis 10.Jahrhundert. Von außen wirkte sie fast schon schlicht und unauffällig, wenn auch in gutem Zustand. Sobald man den Kirchenraum betritt setzt sich der Eindruck fort. Rundbögen gestalten die Seitengänge des Inneren und Holzbänke, auf denen noch die Namen der alten Familien aufgemalt waren, stehen im Mittelgang.
 
Versteckt in der Krypta des Baus befindet sich ein liebevoll hergerichtetes Museum, in dem alte Relikte und Mosaike präsentiert werden. Selbst die Gussform für die Kirchenglocke konnten wir in einem der kleinen Räume im verwinkelten Kirchenuntergrund bewundern.
 

…und langen Anstiegen

Die Wolken hatten sich währenddessen wieder zu dicken Bergen zusammen geschoben. Sie zogen bedrohlich grau in grau am Himmel entlang, doch immer wieder blitzte hoffnungsvoll etwas blau hervor. Wir schwangen uns auf die Räder, um doch noch ein paar Höhenmeter auf den ca. 13 km zurück nach Riolo Terme zu schaffen. Mit der Aussicht auf ein kuscheliges Bad in der warmen Therme war ich da auch äußerst motiviert.
 
Von Brisighella aus über die Via Rontana kletterten wir Stück für Stück die bis zu 11% Steigung empor. Dabei kamen wir am Wallfahrtsort Monticino (aus dem 18. Jahrhundert) und an der Festung Rocca Manfrediana und Veneziana (14. bis 16. Jh.) vorbei, wo sich heute das Arbeits- und Bauernmuseum befindet. Es war anstrengend, aber irgendwie klappte auch das hier wieder sehr gut für mich. Man könnte schon fast sagen, dass ich die Abwechslung und die Herausforderung des Kletterns ein bisschen genoss. Nachdem ich oben angekommen war, konnte ich es nicht lassen, den kleinen Hügel am Wegesrand hoch zu steigen, um dort einen noch besseren Blick ins Tal zu bekommen. Was für eine Kulisse!
 

Sonnenuntergang mit reichlich Drama

Wir ließen den Monte di Rontana links liegen und nahmen den letzten Abschnitt des Tages über die Via Calibane zurück ins Tal und waren damit fast schon wieder in Riolo Terme. Auch wenn ich die Abfahrt wieder mit Vorsicht genoss, da die Straße feucht war und ich noch immer unsicher im Kurvenfahren bin, fand ich sie dennoch wunderschön. Wieder kam dieses kaum zu beschreibende Gefühl der Freude, ja der Euphorie auf, als ich tief einatmete, die frische Luft einsog und die Kulisse dieser wundervollen italienischen Landschaft bei Abenddämmerung kaum fassen konnte. Da war die Sonne wieder, gab dem bewölkten Himmel einen dramatischen, leuchtenden Touch und diesem ereignisreichen Tag einen würdigen Abschluss.
 

 
Als wir nach knapp 75 km Radtour am Abend auf das Gelände des Grand Hotels rollten, setzte schließlich der Nieselregen wieder ein. Oh, dieses warme Thermalwasser war der perfekte Tagesabschluss. Und essen. Und schlafen.
 
Was wir am 2. Tag erlebt haben und wie es ist auf einer Formel 1-Strecke mit dem Fahrrad zu fahren, erfahrt ihr im kommenden, letzten Blogbeitrag der Reihe “Radfahren in der Emilia-Romagna”.