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Not fast but far

Sobald die Straßen der Großstadt außer Sicht gerieten und sich die Mehrfamilienhäuser zu Einzelhäusern wandelten, wurden aus dem feuchten, dunkel glänzenden Asphalt, weiß bedeckte Pfade und Wege. Hier an den Rändern der Stadt waren eine dünne Schicht Schnee und Eis liegen geblieben. Sie hellten die graue, in feinem, nebeligen Dunst eingehüllte Landschaft zumindest etwas auf. Der Himmel war grau und wolkenverhangen und legte sich schwer über die kahle, dunkle Winterszenerie. Doch diese war nicht ohne Schönheit. Sie hatte etwas Eigenes und Einzigartiges, deren Besonderheit mich sofort in den Bann zog.

Aus den Augenwinkeln bewunderte ich die fragil wirkende, milchige Eisdecke auf den zahlreichen Teichen, die wir passierten. Es war zu warm, als dass das Eis wirklich stabil sein konnte. Dennoch hauchte ich mit jedem Atemzug kleine Wölkchen heraus und war froh, wieder die warmen Thermo-Bibtights für diese Ausfahrt gewählt zu haben. Mir war größtenteils angenehm warm während der Tour. Auch, wenn es gerade mal um die 1°C kühl war, wechselte ich nach ein paar Kilometern bereits meine weiche Winterkappe gegen die einfache aus Baumwolle und zog nur den Schlauchschal zusätzlich über Kopf und Ohren unter dem Helm.

Bild Credit: Steffen Weigold

Zu Beginn war ich noch sehr zuversichtlich gewesen. Als wir am Samstagvormittag um kurz nach 10:30 Uhr den Rapha Store in Berlin Mitte verließen, ging es zunächst erst einmal auf Asphalt gen Norden und raus aus der Stadt. 10 Männer und ich. Eine CX bzw. Gravelrunde stand auf dem Programm und mir wurde zugesichert, dass diese weniger schnell als eine typische Rennradrunde sein würde. Davon ging ich zwar aus, denn von diesen hielt ich mich bewusst fern. Ich hatte jedoch schon eine Vorahnung, dass es wohl dennoch nicht meine Geschwindigkeit sein könnte. Gleichzeitig war da diese Motivation, einfach mal mit ein paar anderen Leuten zusammen Radzufahren.

Immer hinterher

Und ab ins Gelände! Schnell wurde mir klar, dass wir zumindest zu Beginn eine mir bekannte Route fahren würden: Der gute, alte Pankeradweg. Als wir im Norden Pankows auf den Radweg zwischen den Teichen abbogen, sank meine Motivation zum ersten Mal. Ich war bereits hier hinten dran und wir waren eben erst losgefahren. Ok. Keine Sorge. Den Weg kenne ich zumindest und konnte folgen, auch wenn die schnelle Truppe vor mir hinter einer Kurve außer Sicht geraten sollte. Ich keuchte etwas in mich hinein und war überrascht, kurz darauf alle auf mich warten zu sehen. Wie nett. Doch gleichzeitig ein kleiner Stich. Ein mulmiges Gefühl und der Gedanke: “Natürlich müssen die Männer wieder auf die einzige Frau in der Gruppe warten.” Ich wollte das nicht.

Jedes Mal, wenn ich es schaffte innerhalb der Gruppe zu fahren, fiel ich spätestens beim nächsten langen geraden Abschnitt irgendwann wieder zurück. Wir hatten den Pankeradweg mittlerweile verlassen. Der Weg führte uns zwischen den vereisten, mit zahlreichen Vögeln besiedelten Karower Teichen hindurch und an mit einer feinen Frostschicht bedeckten Feldern vorbei. Es war so märchenhaft, so verschlafen und ich fühlte mich in eine Welt der russischen Wintermärchen hinein versetzt. Hinter der nächsten Ecke tauchte bestimmt das Hühnerbeinhaus der Hexe Baba Jaga auf! Ganz bestimmt!

Da, ein Gatter! Einer hielt das Tor offen, damit alle hindurch und mitten über die Weide der Hochlandrinder fahren konnten. Ich freute mich und beobachtete beim Vorbeirauschen aus dem Augenwinkel die großen Hörner der friedlich grasenden Tiere. Schade, ich hätte gern ein Foto gemacht. Doch ich wollte mich nicht wieder zurückfallen lassen. Das nächste Tor kam in Sicht und schon lag die Weide hinter uns. Zunächst war ich über jedes Hindernis erfeut, bei dem alle etwas herunter bremsen mussten und ich es so einfacher hatte, sie wieder einzuholen. Doch im nächsten Moment war die Freude darüber schon wieder dahin. Einige meiner Mitfahrer beschleunigten so schnell, dass ich dann noch weniger eine Gelegenheit hatte, Schritt zu halten. Ich beneidete sie ein wenig.

Alte Wehwechen..

Der Liepnitzsee, schön war es hier, Sommer wie Winter. Den Ufersprint genoß ich. Natürlich langsamer als alle anderen, doch schön wars, vorbei an dem in feinem Nebel gehüllten See zu radeln. Nach der Hälfte der Strecke, für mich nach ca. 40 km spürte ich deutlicher, wie meine Oberschenkel etwas zogen und meine Arme zu verkrampfen begannen. Meine rechtes Knie, dass sich bei Überanstrengung seit der Gravelspartakiade immer meldete, muckte auf. Wieder anfahren, dabei beiben, auffahren, zurück bleiben. Es war mühselig. Frustrierend. Ich dachte ans Aufgeben. Ans zurück bleiben. Wie dramatisch. Mehr als einmal, nachdem die anderen zum dritten Mal auf mich gewartet hatten, bemerkte ich leise, dass ich ein Navi dabei hätte und sie ruhig weiter ihr Tempo fahren können. Ich wollte niemanden aufhalten. Doch das wurde ignoriert. Wieder wurde ich gebeten, doch vorn mitzufahren.

Es funktionierte nur kurz. Beim nächsten Anstieg, bei dem ich immer an Geschwindigeit verlor, wurde ich überholt und fiel erneut zurück. So mühselig… Dabei war ich überrascht, wie wenig Sorge mir der Untergrund machte. Nachdem wir die Felder verlassen hatten, sausten wir auf einem Forstweg durch den Wald. Der Boden war teilweise mit einer dicken Schicht gefrorener Blätter bedeckt, sodass Wurzeln und Löcher schwer zu erkennen waren. Eine feine Schnee- bzw. Eisschicht hüllte alles ein. Der Sandweg war so fest gefroren, dass die eingefahrenen Quer-Rillen von den Reifen der schweren Forstfahrzeuge sich hart ruckelnd wie ein Brett fuhren und heimtückische Kanten erschaffen hatten, an denen man wegrutschen konnte. Doch bis auf einen Ausrutscher, bei dem ich mich überrascht wieder gefangen habe, geschah mir nichts. Meine Gravelking Schlappen taten unermüdlich ihren Dienst ohne zu mucken und ich füllte mich recht sicher.

Obacht! Glatt.

Andere, mit weniger Profil und schmaleren Reifen hatten da weniger Glück. Wir fuhren einer dieser langen, geraden Waldwegabschnitte. Ich spürte, wie meine Energie nachließ und mir war etwas diesig. Jetzt nur nicht vom Rad fallen. Da war er wieder, der Gedanke, anzuhalten, einen der mitgebrachten Riegel zu essen und dann ruhig und gemächlich allein weiter zu fahren. Schließlich waren wir eh schon auf dem Rückweg. Kurz bervor ich mich entschlossen hatte zu stoppen, wurde mir die Entscheidung abgenommen.

Das Gelände war leicht hügelig und bei einem bergab Abschnitt sah ich vor mir plötzlich ein Straucheln unter den anderen Fahrern. Es ging sehr schnell. Auf einmal stürzten drei der nahe beieinander radelnden Herren halb übereinander vom Fahrrad. Einer war weggerutscht und hatte die anderen in einer Art Dominoeffekt mitgezogen. Ich atmete besorgt hastig tief ein und war erleichtert, als ich ankommend feststellte, das keinem wirklich etwas passiert war. Ein Stöhnen hier und da und schon waren alle wieder auf den Beinen. Es war nicht der einzige Sturz an diesem Tag gewesen.

Bild Credit: Steffen Weigold

Frust

Aufatmend nestelte ich flink an meiner Stembag herum, um schnell ein Stück Notfall-Riegel in den Mund zu schieben. Die Gestürzten taten mir zwar Leid, doch mir kam die ungeplante Pause sehr willkommen. Ich spürte, wie die wenigen Minuten Ruhe mir wieder etwas Energie schenkten. Als wir weiterfuhren, versuchte ich erneut mein Glück weiter vorn. Nicht lang, natürlich. Ich mochte auch das plötzliche Anschieben nicht, dass sicher gut gemeint war, mich aber trotzig reagieren ließ.

Es gibt nur wenige Menschen, die das durften und die kannte ich sehr gut. Bei allen anderen fand ich es mehr als unangenehm, fast schon beleidigend. Egal wie gut die Absichten waren. Ich brauchte keine Schubhilfe. Lieber fahre ich allein durch den Wald in meinem Tempo, als mich so zu erniedrigen. Übertrieben? Nein, denn so fühlte es sich in dem Moment an. Meine etwas patzige Reaktion tat mir im Nachhinein Leid. Doch ich musste einfach deutlich zeigen, dass ich das nicht wollte. Ich kam mir so schon ziemlich schwach vor.

Ich war gefrustet. Hatte ich wirklich nur einen Funken Hoffnung gehabt, ich könnte bei einer derartigen Ausfahrt mithalten? Musste ich das überhaupt? Das waren alles eher sportlich motivierte Fahrer, wie mir schien. Die meisten zumindest und das war bei einer Ausfahrt von Rapha wohl auch keine Überraschung. War es also mein Fehler, es überhaupt versucht zu haben? Irgendwie wollte ich das nicht einsehen. Einen Versuch war es wert und schadete nicht (außer meinem schmerzenden Knie). Dann wusste ich wenigstens Bescheid. Es macht ja keinen Sinn, sich vorher schon entmutigen zu lassen, ohne es überhaupt versucht zu haben, oder? Es hätte ja auch klappen können. Doch wahrscheinlich werde ich vorerst solche Ausfahrten meiden. Allein ist auch gut oder mit eins, zwei Freunden zusammen, die so wie ich fahren wollen. Oder ich organisiere mal was Eigenes, Entspanntes. Eigentlich eine gute Idee. Anyone?

Bild Credit: Steffen Weigold

Cycling is no sport

Radfahren ist für mich weniger Sport, als viel mehr Teil meiner Lebenseinstellung und meines Alltags. Ja, ich liebe es tagelang mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Doch ich trainiere nicht. Ich fahre einfach. Ich fahre mittlerweile auch in meiner Freizeit viel mehr als früher. Ja, auch mein Fahrrad ist sportlicher geworden. Aber ich bin eben immer noch nicht schnell im sportlichen Sinne. Ich kann lang fahren, weit. Manchmal lasse ich mich auch mitreißen, wenn ich zusammen mit anderen unterwegs bin. Es darf auch gern mal schnell sein mit kurzen Sprints auf langer, ebener Strecke. Doch dann verfalle ich wieder in meinen Trott. 22 km/h, dann 20 . Mal mehr, mal weniger. Super. Hallo Landschaft. Hallo Baum. Hallo See. Hallo Vogel. Oh, ein Reiher. Schnell mal anhalten und leise ein Foto machen.

Und dann aber weiter. Schließlich will ich auch voran kommen. 😉 Das ist es. So mag ich das. Fahrt einfach, wie es euch gut tut! Mein Ausflug in die Welt der gemeinsamen Sportausfahrten war sehr lehrreich gewesen. Ich war so erledigt am Abend, wie ewig nicht mehr nach einer Radtour, verspannt und mit schwerzendem Knie, dass auch Tage später noch Probleme machte. Die Strecke an sich war super schön gewesen. Irgendwie war es auch schön, mal nicht allein zu fahren, zum Abschluss der Fahrt noch im Café zu quatschen, etwas zu futtern und Kaffee zu schlürfen. Doch immer hinterher hängen, egal wie sehr ich mich anstrengte, ist eben sehr unbefriedigend. Ernüchternd.

Und die Moral von der Geschicht…

Ein Gutes hatte das Ganze: Ich habe nicht aufgegeben. Egal wie doof ich es manchmal fand. Das mag zum einen an einigen sehr angenehmen Mitfahrenden gelegen haben, die immer wieder auf mich warteten. Auch die Strecke gefiel mir schließlich sehr gut. Andererseits war da meine eigene Sturheit, die mich durchhalten ließ und das befriedigte mich am Ende doch sehr. Es gibt außerdem noch eine leise Stimme in mir, die sich das nicht bieten lassen möchte. Die sagt, das kannst du auch! Du musst nur deinen Arsch mal hoch kriegen und regelmäßig Strecke in einem bestimmten Tempo fahren. Und dann? Dann kann ich vielleicht mithalten. Eine Option. Doch bis ich diese Motivation gefunden habe, fahre ich lieber weiterhin gemütlich durch die Landschaft, halte zum Essen kurz an, hole tief Luft, schüttel die Beine aus und fahre dann ausgeruht und entspannt weiter. Lehrreich. Wie gesagt.

Far not fast.


Danke an Steffen für die schönen Fotos und die tolle Routenführung. Auch für deine Motivationsversuche: Ich habe es wirklich versucht!

Und Flo: Danke fürs offene Ohr :-)!

Die Gravel Spartakiade 2018 – Radelmädchen auf Abwegen

Schotter, Kiesel und Sand, Tannennadeln, Äste, Bäume und Wurzeln, Wespennest, Kuhweide und hohes Gras – die Untergründe und Hindernisse der ersten Gravel Spartakiade von Veloheld waren vielfältig. Mehr als einmal gingen mir Flüche über die Lippen, musste ich vor Kurzatmigkeit kurz anhalten und ohne Schmerztabletten ging es am Ende auch nicht. Es war sehr intensiv, noch herausfordernder als erwartet und seeeeehr lehrreich. Würde ich es wieder machen? Auf jeden Fall!

Es war Samstagmorgen, kurz vor halb fünf. Mein Zug ging erst um 07:16 Uhr und ich war viel zu früh wach. Ich wälzte mich im Bett hin und her und als ich schließlich aufstehen wollte, war es eine Minute vorm Wecker klingeln. 05:45 Uhr. Viel zu früh. Doch die Aufregung und Erwartungen an das Wochenende schoben mich an und hielt mich auch den ganzen kommenden Tag bis kurz nach Mitternacht wach.

Ich war schnell fertig geduscht und angezogen. Gleich rein ins Fahrradoutfit. So wenig Sachen wie möglich mitnehmen, war die Devise. Auch einen Versuch doch nochmal etwas umzupacken, ließ ich schnell sein. Die Packliste war bis auf ein paar Ausnahmen so übernommen. Rad geschnappt und auf zum Bahnhof. Voller Vorfreude traf ich Wiebke und, nachdem wir beide Kaffee besorgt hatten, ging es zum Zug. Das Fahrradabteil nach Dresden war ausgebucht. Wie schön, dass wir dort drei weitere Mitstreiter/-innen der Gravel Spartakiade trafen.

Die Zugfahrt verging wie im Fluge und nach einem Meet up beim Bäcker mit André, Martin und Flo ging es raus aus der Dresdener Neustadt zum Showroom von Veloheld. Wir waren früh dran. Doch Stück für Stück trudelten die Teilnehmenden der Gravel Spartakiade ein. Es gab viel zu schauen und zu reden, Set ups wurden bewundert und hinterfragt, Reifen gepumpt und ich wurde immer hibbeliger.

Tag eins: 3,2,1…los!

Endlich! Um kurz nach 12 Uhr brachen wir auf. 50 Startende inklusive immerhin 8 Frauen machten sich auf, um eine Ecke weiter abzusteigen und den steilen Hang auf einen bebäumten Singletrail-Damm hochzuschieben. Das kannte ich schon von meinem ersten und zweiten Besuch im Showroom. Rein in den Stadtwald und die Dresdener Heide. Wunderschön ist es hier, die ganze Strecke sollte viele tolle Ausblicke bringen. Ohne Frage, die Landschaft in der Dresdener Umgebung und in der Sächsischen und Böhmischen Schweiz ist atemberaubend. Genauso waren auch die ersten Single Trails, die nicht nur zahlreiche Wurzeln und Grasnaben, sondern auch einige umgefallene Bäume zu bieten hatten. Egal. Noch waren wir frisch. Auch wenn wir das große Fahrerfeld gleich am Anfang verloren hatten, weil ich erstmal meinen auf dem Weg verteilten Haushalt wieder einsammeln musste. Doch ich war hoch motiviert.

Zusammen ist es besser

Wir, das waren Wiebke und ich und es war klar, dass wir das zusammen fahren werden! Unsere gemeinsamen Ausfahrten in Berlin waren bisher immer sehr harmonisch verlaufen. Nur leider ging es Wiebke am diesem Samstag gar nicht so gut. Irgendwie lief es nicht. Knapp das erste Drittel bestritten wir zusammen, begutachteten, was die anderen im Wald verloren hatten, lachten und litten. Bis wir uns schließlich trennten, als ich dem Track durch den Wald folgte und sie den direkten Weg auf der Straße nahm, um sich etwas zu schonen. Wir trafen nicht mehr aufeinander, denn sie hatte eine Abfahrt verpasst und sich verfahren.

Schließlich entschied Wiebke nach einem Versuch auf den Track zurück zu kommen, doch abzubrechen. Es war schade. Aber am Ende ist die Gesundheit wichtiger und das was danach noch auf dem Track kam, war definitiv keine Schonkost! Nächstes Mal :-*! Schön war es dennoch, zusammen mit dir in dieses Abenteuer zu starten.

Über Stock und Stein

Ich war nun allein unterwegs und kam weiterhin sehr langsam voran. Längst hatte ich die Hoffnung aufgegeben, noch auf die anderen zu treffen, die mir nun teilweise schon viele Kilometer voraus waren. Der Track führte in Schlangenlinien und nach Höhenmetern suchend in das Dresdener Umland und durch einige kleine Orte hindurch. Doch immer mehr Wald kam hinzu, viele Feldwege und Schotterabfahrten.

Die Täler wurden enger und die Berge höher. Hallo Sächsische Schweiz! Die Route forderte mich sehr heraus. Oft war der Weg eher für ein Mountainbike geeignet, wenn er überhaupt für irgendeine Form von Fahrrad noch befahrbar oder als solcher erkennbar war. Es gab viele Wanderwege. Einige so steil und mit zahlreichen Wurzeln und Steinen, dass an Radfahren schon lange nicht mehr zu denken war. Und dennoch waren die anderen Teilnehmenden der Gravelspartakiade so viel schneller als ich.

Lonesome traveller

Derer Gedanken hatte ich viele, während ich versuchte auf dem Track zu bleiben und das beste daraus zu machen. Ja, ich war das gewohnt. Ich fahre auch gern allein. Doch irgendwie wollte ich das dieses Wochenende nicht. Dafür war ich nicht hier. Zum einen ging es natürlich um meine persönliche Herausforderung. Wie weit kann ich gehen? Schaffe ich das? Und vor allem, was kann ich üben, um fitter zu werden? Will ich überhaupt so schnell durch eine derartig beeindruckende Kulisse rasen? Ich bin Genußradlerin durch und durch. Und ich bin nicht schnell, wenn es um Höhenmeter und komplizierte Wegqualitäten geht.

Zum anderen freute ich mich darauf, diese anderen verrückten Radfahrenden zu treffen, die ebenso gern auf dem Rad sitzen wie ich und mich auszutauschen. Doch die Leistungslevel waren breit gestreut. Die meisten fahren einfach gern und stellen sich immer wieder neuen Herausforderungen auf dem Rad – ohne an sportliche Höchstleistungen zu denken. Doch es gab eben auch jene, die bereits einige Rennen gefahren sind oder Langstreckenfahrten absolviert haben. Doch das war ja kein Rennen hier! Auch wenn ich mir nicht so sicher war, ob es für einige nicht doch eines war.

Ich wollte rechtzeitig ein Dorf erreichen, wo es einen kleinen Laden geben sollte. Doch ich war knapp zu spät und mir wurde auch immer deutlicher bewusst, dass Zeitpläne hier für die Katz waren. Hauptsache ankommen und auf dem Weg zum Ziel möglichst viel sehen und genießen. Das fiel mir zunehmend immer schwerer, doch eine gewisse Sturheit setzte ein. Ich wollte das schaffen und wenn ich als letzte ankommen sollte, dann war mir das egal. Ich fuhr so wie ich es eben konnte. Weg mit den Vergleichen oder auch…

“Erlebnis vor Ergebnis”

(Danke Eva, fürs Erinnern daran!)

Auf Wanderwegen

Besonders in Erinnerung blieb mir dieser Wegesabschnitt: Ich fuhr durch ein wunderschönes Tal auf einem schmalen Pfad entlang eines kleinen Baches. Es raschelte vom Wind in den Bäumen, Moos bedeckte die Steine am Ufer und die Luft roch herrlich frisch. Hier gefiel es mir und ich begann wieder zu lächeln und genoß den Tritt in die Pedale. Dann kam eine enge Fußgängerbrücke, auf die ich das Fahrrad tragen musste. Ich überquerte die Brücke, um auf der anderen Seite vor einem großen, umgefallenen Baum stehen zu bleiben. Er markierte den Anfang eines steilen Wanderweges, bei dessen Anblick ich ungläubig innehielt. Das konnte jetzt nicht wahr sein! Ich schnaufte. Ich schnaufte noch viel mehr, als ich anfangs recht stürmisch und etwas schlecht gelaunt mein Rad den Pfad hoch drückte. Zwischendurch musste ich vor Erschöpfung anhalten und tief Luft holen. Weiter schieben!

Ein Wandererpaar überholte mich. Trotz stieg in mir auf und ich schob weiter. Quälend lang zog sich der Weg durch den Wald, doch schließlich war ich oben angekommen. Noch ein paar Wurzeln und schließlich lichtete sich der Forst und ein mit Schotter ausgekleideter Feldweg, gesäumt von Apfelbäumen lag vor mir. Weiter! Vorbei an den Wanderern. Die Hälfte der Route hatte ich geschafft. Knapp 50 km. Und es war schon 17 Uhr. Mit all den Unterbrechungen und Hindernissen hatte ich knapp 4,5 Stunden gebraucht. Ich wusste nun, dass ich es nicht mehr im Hellen schaffen würde auf dem Campingplatz in Tschechien einzutreffen. Ich schluckte. Hunger kam auf. Unruhe.

#cyclingunites

Mittelndorf hieß das kleine Örtchen rechts von der Kreuzung an der ich nun stand. Bevor ich in den Genuß von ein paar Metern Asphalt kommen sollte, blieb mein Blick nach rechts schweifend am Schild eines Lokals hängen. Viel mehr das Fahrrad, das dort angelehnt stand, weckte mein Interesse. War da eine Satteltasche zu sehen? Ich legte es drauf an und fuhr in die entgegengesetzte Richtung auf das Gasthaus zu – und konnte meine Freude und Erleichterung kaum zurückhalten, als ich dort am Tisch zwei Herren in Radkluft sitzen sah, die ich heute morgen schon getroffen hatte.

Hans und Patrick wollten gerade aufbrechen, doch blieben geduldig bei mir, als ich etwas aus der Puste doch noch eine große Apfelschorle bestellte und eine Portion Pommes hinterher verdrückte. Essen! Keine Riegel oder Gels. Echtes Essen. Diese Pommes mit Ketchup machten mich sehr glücklich. Schließlich füllte ich meine Wasserflaschen auf und schlüpfte in das lange Merinoshirt, denn es wurde langsam frischer. Eine nette Dame trug mir noch meinen Helm hinterher, den ich gedankenverloren am Stuhl hängen lassen hatte. Dann brachen wir auf. Ich hatte etwas Sorge, dass ich schnell hinter meinen Begleitern zurückfallen würde. Doch sie warteten geduldig, wenn ich die Abfahrten etwas unsicher langsamer als sie nahm oder die Berge gemächlicher hochfuhr.

Ich war unglaublich dankbar.

Hi, Tschechien!

Der Weg wurde besser. Wir fuhren durch die Sächsische Schweiz auf einer wunderbar asphaltierten Straße – durch enge, grüne Täler, vorbei an Gasthäusern und einer alten Straßenbahnstrecke. Es war malerisch schön. Ich fühlte mich mitgezogen und heftete immer wieder meinen Blick konzentriert an Hans trainierte Waden, um den Anschluss nicht zu verlieren. Wir sausten durch die Schlucht und mir ging es so viel besser. Ich hatte jemanden, der mich mitzog und zum Reden. Keine Selbstgespräche mehr. Dafür durften sich die beiden Geschichten von meinem stärker schmerzenden, rechten Knie anhören. Und wir redeten über Fahrräder und deren Konfigurationen. Natürlich. Was sonst?

Da! Die Tschechische Grenze. Ab dort wurde es noch märchenhafter. Der Sandsteinfels ragte in obskuren, imposanten Formen aus dem Wald hervor und der Schotterweg führte mitten durch. Es dämmerte. Doch die Straßen ließ sich immer noch recht gut fahren. Wir erreichten einen kleinen böhmischen Ort in der Abenddämmerung und erfreuten uns an den hübschen alten Holzhäusern. Gesprächsfetzen, als wir an einer Kneipe vorbei fuhren. Die einzigen Menschen, die hier zu sehen waren. Dafür gab es bellende Hunde und Katzen, die auf der Jagd herum streunten.

Ein einsamer Radler in der Nacht

Mittlerweile war es dunkel geworden. Ich war erneut dankbar für meinen Nabendynamo und auch, wenn die Lampe nicht weit voraus strahlte, war sie doch hell und gab mir eine gewisse Sicherheit. Hans Anstecklicht strahlte meterweit die Straße aus und half uns allen sehr in der Dunkelheit. Dann zweigte der Track erneut von der Hauptstraße ab. Ein Stück den Weg rauf sahen wir jemanden am Wegesrand mit seinem Rad stehen. Wieder war ich überrascht und freute mich sehr über das bekannte Gesicht, dass dort auf uns wartete. André stand vor der Entscheidung allein in den dunklen Wald zu fahren, wo der Weg eher wieder einem Mountainbiketrack ähnelte oder sich eine Alternative an der Straße zu suchen. Er war mindestens genauso erfreut, uns zu treffen und gemeinsam machten wir uns auf.

Es war so dunkel. Ich hatte mittlerweile auch noch meine Stirnlampe aufgesetzt und war so froh, diese dabei zu haben. Ich fuhr sehr langsam und mit dem Schein meiner Lichter. Lange hatte ich mich nicht mehr so ängstlich und unsicher auf dem Fahrrad gefühlt wie an diesem Tag. Auch hier waren die anderen schneller. Doch keiner ließ mich allein zurück. Wir fuhren zusammen und ich kann nicht oft genug betonen, wie erleichtert ich darüber war.

Unter Elektrozäunen und über Kuhweiden – Night edition

Doch noch hatten wir es nicht geschafft. Noch irgendwas zwischen 10 und 15 km lagen vor uns als wir plötzlich vor einem Weidezaun standen. Verzweiflung machte sich breit. Wo ging es hier weiter? Es war kein Weg zu erkennen, aber der Track führte unmissverständlich hier entlang. Schließlich zückte ich das Telefon, dass ich seit längerem nicht mehr beachtet hatte und telefonierte, um einen Hinweis zum Weg zu bekommen. Ich entdeckte dabei auch, dass ich einige Nachrichten und Anrufe in Abwesenheit hatte. Mir war nicht in den Sinn gekommen, dass sich andere vielleicht Sorgen machen würden, wo ich steckte. Ich war das Alleinreisen gewohnt, da meldete ich mich nicht ab. Ein schlechtes Gewissen breitete sich aus und Dankbarkeit, dass andere an mich dachten!

Doch zurück zur Kuhweide. Durch diese sollte ein Wanderweg führen, der auch unser Track sein sollte. Kleine Elektroschläge ziepten durch die Jacke, als wir uns gegenseitig halfen mit den Rädern unter dem Zaun durch zu kommen. Später dienten die Räder als Stütze. Drei Mal (!!!) vollzogen wir dieses Prozedere! Und dann war da noch die Weide mit den tiefen Furchen, über die wir bergauf die Räder schieben mussten. Ich war langsam am Ende meiner Kräfte.

Endspurt

Schließlich erreichten wir die Straße und die letzten Kilometer rollten wir größtenteils bergab auf Asphalt. Umgeben von stockfinsterem Wald, leiteten uns nur die Lichter unserer Lampen und die weißen Leitstreifen am Fahrbahnrand. Ein dunkles schwarzes Loch lag vor mir, sobald ich die anderen hinter einer Kurve aus den Augen verlor. Ich sprach mir Mut zu und versuchte nicht völlig ängstlich zu sein, wenn ich mich plötzlich ganz allein auf der Straße in diesem dunklen Wald fühlte. Denn das war ich nicht und wir waren fast am Ziel. Endlich, das Straßenschild: Sluknov…

Die Wärme des Lagerfeuers tat gut, die Gitarrenklänge und das Stimmengemurmel um mich herum auch. Ich war geschafft, erleichtert und noch viel zu wach. So ließ ich mich treiben, unterhielt mich und fühlte mich sehr wohl in diesem Kreis. Denn ich wusste, wir sind alle diesen Weg gefahren, hatten alle die gleichen Herausforderungen durchgestanden. Manche nahmen es leichter, andere hatten mehr an den Hindernissen geknabbert. Wir hatten es geschafft und als ich später meinen Biwaksack (Danke Flo fürs Tarp teilen!) das erste Mal ausbreitete und frisch geduscht in den Schlafsack schlüpfte, war ich nur stolz und glücklich.

Tageskilometer: ca. 104 km

Höhenmeter: irgendwas zwischen 1500 und 1800 hm

Tag zwei: #Forevertheredlantern

Die Nacht war sternreich und frisch gewesen, doch als ich am nächsten Morgen aus dem Biwak blinzelte, zog gerade noch feuchter Morgennebel über das nahegelegene Feld und das Licht war wundervoll. Schnell alles zusammenpacken und frühstücken. Ich hatte großen Hunger! Es dauerte etwas, bis wir alle bereit waren und schließlich in zwei lockeren Gruppen aufbrachen. Diese blieben nicht lange so zusammen und ich fiel schnell nach hinten. Mein Knie hatte schon beim Laufen und Hocken weh getan.

Auf dem Rad waren die Schmerzen noch viel stärker. Ich war dankbar für Patricks Gesellschaft und nachdem die Schmerztabletten gewirkt hatten, konnte ich zumindest halbwegs normal treten. Ich fühlte mich schlecht deshalb, doch anders wäre ich wohl nicht durch den Tag gekommen. Das hieß auch: Zuhause musste ich die Position der Cleats an den Schuhen checken und eventuell noch andere Einstellungen am Rad vornehmen. Schließlich war das die erste lange Tour mit Click-Pedal gewesen und solche Knieprobleme hatte ich noch nie gehabt.

On Gravelroads

Die Strecke war bis auf ein paar Moutainbike-Trails, die es in sich hatten, viel mehr das, was ich mir unter einem Gravelride vorgestellt habe. Leider fand sich auf einem Trail ein Wespennest, was einige Mitreisende mit fiesen Stichen zurückgelassen hat. Gute Besserung!

Viele Schotter- und Feldwege gestalteten den Sonntag. Bergauf und ab mit schönen Blicken ins Tal gefielen mir die Waldabschnitte am zweiten Tage der Gravelspartakiade am besten. Doch der Schotter forderte seine Opfer: Es gab unzählige Platten und auf einem Trail im Wald schließlich ein abgerissenes Schaltwerk.

Geschafft!

Immer wieder traf ich auf ein paar Leute, doch die letzten Kilometer radelte ich schließlich wieder allein. Ich genoß die Ruhe des Waldes, unterdrückte negative Gedanken und versuchte mich nicht zu stressen. Schließlich erreichte ich gegen 15:30 Uhr den Showroom von Veloheld, wo noch ein paar andere Radler saßen und Kaffee und Bier tranken, sich unterhielten und entspannten.

Danke für die Organisation, für die vielen schönen Momente auf der Strecke (die doch noch etwas Feinschliff brauchen könnte) und für das gemeinsame Fahren! Wiebke, André, Hans, Patrick, Flo und Martin (und die anderen, die ich auf der Strecke traf, aber die Namen nicht kenne): Es war mir ein Fest mit euch zu fahren und mich mit euch auszutauschen. Danke für die gemeinsamen Kilometer!

Geschafft! #Forevertheredlantern

Tageskilometer: ca. 62 km

Höhenmeter: ca. 700 hm

Fazit:

Die Strecke war mehr als anspruchsvoll und ist meines Erachtens stark verbesserungswürdig. Oder man macht gleich eine Mountainbiketour draus, dann würde es eher passen ;-). Es gab aber auch viele tolle, landschaftlich einzigartige Abschnitte, die ich gern noch einmal fahren möchte und die ich sehr genoßen habe. Ich habe einiges über mich gelernt. Denn auch wenn ich teilweise wirklich fertig war und an meine Grenzen gekommen bin, es ging immer weiter. Ich wollte, dass es weiter geht! Dieser Wille ist stärker geworden mit der Zeit und hat mich weiterfahren lassen, auch wenn mir eigentlich nach absteigen und hinsetzen war. Wie war das? Es ist vieles einfach nur Kopfsache. Dennoch weiß ich nicht, wie ich ohne meine großartige Begleitung durch die Nacht gekommen wäre. Ich weiß, das ist etwas was ich üben möchte. Ich möchte lernen, nachts auf der Straße durch den Wald zu fahren – zumindest annähernd :-). Denn ich möchte mich meinen Ängsten stellen und mich nicht vor ihnen verstecken!

Gemeinsam ist es schöner und wenn ich wandern will, lass ich mein Fahrrad daheim!

Würde ich es wieder machen? Auf jeden Fall!