Auf der Suche nach dem Gravelbike – Versuch einer Definition

Auf der Suche nach dem Gravelbike bin ich seit Anfang des Jahres tatsächlich ernsthaft. Denn ich bin schon längst darüber hinweg zu glauben, dass ein Fahrrad allein alle Nutzungszwecke abdecken kann. Eigentlich wäre das auch zu schade, wenn es so ein Allrounder-Rad geben würde. Zu schade, weil es so viele wunderschöne, verschiedene Fahrräder und Fahrradtypen gibt. Außerdem machen sich die Zweiräder auch äußerst dekorativ in der Wohnung. Da geht schon mal eins mehr.

N+1 also, die altbekannte Formel der Anzahl an Fahrrädern, die Mann oder Frau so haben kann. Ich frage mich, ob es hierzu auch eine weitere Formel gibt, die berechnet, in welchem Zeitraum sich die Anzahl potenziert? Ein wenig Sorge macht mir das schon, wenn ich überlege, dass gerade letztes Jahr schon zwei weitere Schönheiten bei mir eingezogen sind und ich nun bereits am Jahresanfang weitere Fahrradgelüste verspüre. Selbst in einer großen Wohnung ist der Platz irgendwann limitiert. Doch so oder so, da ich mich von keinem der vorhandenen Räder trennen möchte, kommt wohl noch im Frühjahr ein weiteres dazu. Denn ich möchte ein halbwegs geländetaugliches Langstreckenrad, neudeutsch Graveller oder auch All Road Bike.

Een Graveller? Watt is denn dit schon wieda?

Egal ob Marketingtrend der Industrie (ich denke, darüber sind wir schon lange hinaus) oder nicht, das Gravelbike wird immer beliebter und viele große und kleine Fahrradmarken haben bereits derartige Modelle im Sortiment, um mit dem Trend zu gehen. Aber was genau soll das eigentlich? Ist das nicht genau das gleiche, wie ein Crossrad/Querfeldeinrad oder Cyclocrosser? Die gibt es doch schon ewig!

Nun ja, ich gebe zu, die Einordnung macht mir auch gern mal Kopfzerbrechen. Der Pressedienst Fahrrad hat das ganz schön erklärt:

Cyclocross

Die Räder sind so konzipiert, dass sie es mit Matsch und Hindernissen aufnehmen können. Die Sitzposition ist ähnlich sportlich-aggressiv wie am Rennrad. Steuer- und Sitzrohr haben aber einen steileren Winkel und auch das Tretlager ist höher als bei einem Straßenflitzer. So geraten die Pedale nicht so schnell in Bodenkontakt. Zudem verfügen Cyclocrosser über einen größeren Reifendurchlass, damit Matsch und Schlamm nicht stecken bleiben. (…)

Die Reifenbreite für Cross-Rennen ist durch den Internationalen Radsportverband UCI genau definiert: Maximal 33 Millimeter breit dürfen sie sein.
 
Demnach sind Cyclocrosser sportliche, fürs Gelände optimierte Rennräder mit deutlichen Einflüssen vom Mountainbike. Sie sind besonders im Querfeldein-(Renn-)einsatz beliebt. Das Reifenprofil ist oftmals gröber, aber der Reifen an sich wird nicht zu breit (zumindest beim Wettkampfeinsatz). Die Limitierung geschieht natürlich auch über den Gabeldurchlass.
Gravel
Dem gegenüber wird das Gravelbike gestellt, dessen Namen sich aus dem englischen Wort für Schotter oder Kies ergibt. Also doch auch ein Crosser? Jein. Im Vergleich zum Cyclocrosser orientiert sich das All Road Bike oder Road Plus Bike, wie es auch gern genannt wird, zwar ebenfalls am Rennrad und verfügt über einen Rennlenker und eine sportliche Sitzposition. Man sitzt aber selten so gestreckt, wie auf einem Renner. Die Geometrie ist deutlich komfortabler und macht so auch Langstreckenfahrten reizvoll und angenehm. Scheibenbremsen gehören mittlerweile zum Standard und robuste Steckachsen werden immer beliebter (wie beim Mountainbike). Der größte Unterschied zum Beispiel auch zum Endurancebike, welches ein auf Langstreckenfahrten ausgelegtes Rennrad ist, scheint aber die Reifenbreite zu sein.
 
Laut pd-f:
 
Gravel-Racer ermöglichen hingegen meist die Aufnahme von noch breiteren Reifen und können durchaus auch sehr sportliche Sitzpositionen aufweisen. Zwischen den einzelnen Gattungen der Räder mit Rennlenker verwaschen die Grenzen zusehends.
Genau dieser letzte Satz trifft des Pudels Kern: Definitionen hin oder her. Sicher kann der Profi anhand der Geometrie ablesen, ob das Fahrrad eher sportlicher oder komfortabler gebaut ist. Doch am Ende hat die individuelle Konfiguration einen großen Einfluss darauf, wie sich das Rad fährt und für welchen Einsatz es genutzt werden kann. Es gibt ein paar Merkmale der einzelnen Fahrradgattungen, doch immer klar abgrenzen, lassen sie sich nicht.
Die All Road Bikes werden teilweise sogar zum sportlichen Reiserad aufgebaut und passen mit ihrer Vielseitigkeit perfekt zum Bikepackingtrend, bei dem die Fahrräder nur mit Rahmentaschen, aber allgemein mit wenig Gepäck gefahren werden. Besonders Kurztrips sind somit leicht und unproblematisch zu vollziehen. Dazu hat der Gunnar letztes Jahr ein sehr schönes, kompaktes Büchlein (“Rad und Raus”) veröffentlicht, das es auch in meine Weihnachtsgeschenktipps geschafft hat.
Je nach Konfiguration und Reifenbreite kann das Gravelbike ganz unterschiedlich genutzt werden und genau das finde ich so spannend daran. Also doch ein Allrounder-Rad?
Aber nein, falten kann man es noch nicht…
 

Brauche ich das wirklich?

Nun, wenn ich mir diese Frage so genau stellen würde, hätte ich vermutlich nur ein Fahrrad und würde sehr viele Kompromisse eingehen müssen. Aber es würde mir sehr viel Spaß am Radfahren nehmen. Mein ursprünglich als Reiserad genutztes Cube Touringbike “Jameson” steht mittlerweile sehr viel herum, seit mein Brompton eingezogen ist. Es ist zum Stadtrad und Packesel geworden. Das hat einen einfachen Grund: Auch nach einigen Konfigurationsveränderungen kann ich keine langen Touren mehr damit machen. Der Rahmen ist einfach zu klein und ich habe immer wieder Rückenschmerzen oder gar Knieprobleme. In den letzten drei Jahren habe ich mich viel mit Fahrrädern beschäftigt und bin nach wie vor kein Technik-Pro. Aber dennoch habe ich ein anderes Auge für Fahrräder bekommen und meine Präferenzen haben sich verändert.

Ich möchte ein Zweirad haben, das wendig und sportlich ist und dennoch komfortabel genug, damit ich auch länger damit unterwegs sein kann. Mein Brommie kann zwar eine ganze Menge, aber es fühlt sich auch ganz anders an und im Gelände ist irgendwann Schluss mit lustig: Here we go, gravelbike!

Die Qual der Wahl

Wo ich bei der nächsten Schwierigkeit angekommen bin: Die der Entscheidungsfindung! Eigentlich ist alles ganz klar. Ich habe bereits diverse Vergleiche gezogen, zahlreiche Marken unter die Lupe genommen, versucht, Geometriedaten zu verstehen und Erfahrungsberichte gelesen. Allein aufgrund der Optik sind bestimmte Räder schon ausgeschlossen (Ja, das ist ein essentieller Punkt! Schließlich werden wir viel Zeit miteinander verbringen und ich möchte das Rad auch gern anschauen!). Außerdem flog alles raus, was nicht aus Stahl ist. Denn Stahlräder haben für mich einen ganz besonderen Charme und sie gefallen mir optisch meist besser, abgesehen von deren Fahrverhalten. Nun habe ich mich bereits auf ein paar Marken beschränkt und bin einige davon probegefahren. Ob Genesis Croix de Fer, Marin Four Corners oder Salsa Vaya, die Auswahl ist groß. Auch einige Bombtrack Modelle wirken reizvoll auf mich.

Ich hatte von vorneherein bereits bei meiner Online-Recherche das Salsa Vaya favorsiert. Leider waren Salsa Räder gar nicht so einfach zu bekommen in Deutschland. Der Händler meiner Wahl in Berlin für die Testfahrten war “The Gentle Jaunt” in Friedrichshain. Ganz auf Outdoorabenteuer und Reisen mit dem Rad spezialisiert hat der Goldsprint-Berlin Ableger eine feine Auswahl der Cross-, Gravel und Reiseräder im Sortiment. Und ein Käffchen kann man nach dem Test-Ride dort auch noch schlürfen. Die Beratung war sehr gut, fachlich kompetent und hilfreich. Leider war das Salsa Vaya, das ich bei meinem ersten Besuch fuhr, zu groß für mich, doch ich hatte Glück: Ein Rad in meiner Größe war noch vorrätig. Zwei Wochen später, nachdem es für mich aufgebaut worden war, saß ich wieder auf einem Salsa und hätte es am liebsten gleich mitgenommen. Wo ich bei den nächsten Punkten gelandet wäre:

Was kostet der Spaß?

Erstens wollte ich unbedingt noch ein anderes Rad ausprobieren, zweites ist so ein Gravelbike mit hochwertiger Ausstattung eine ordentliche Investition. Man könnte jetzt einwerfen, dass das auch für Reise- und Rennräder gilt. Jaaaaa, das stimmt schon. Dennoch die meisten der oben genannten Marken fangen bei 1300 € an und sind nach oben hin in der Preisgestaltung flexibel. Nur Marin liegt mit dem Nicasio unter 1000 €. Im Schnitt kosten die Räder jedoch um die 1800 € – 2000 €. Das ist schon ein ordentlicher Batzen Schotter (wie passend beim Gravelbike…haha). Wie bereits erwähnt sind Scheibenbremsen üblich geworden, besonders als hydraulische Variante. Auch die hochwertigen, vermehrt verbauten Einfach- bzw. Zweifach-Schaltgruppen haben wohl einen großen Anteil an der Preisgestaltung. Sram Rival und Shimano 105 liegen da ganz vorn, sind aber trotz Mittelpreissegmentzugehörigkeit nicht unbedingt erschwinglich. All das summiert sich am Ende. Dabei sind eventuell benötigte Lichter und der optionale Gepäckträger natürlich noch dazuzurechnen. Ich denke über die Installation eines Pizzaracks nach, um effizient nötiges Gepäck transportieren und auf einen Gepäckträger hinten verzichten zu können. Dazu sollen Rahmentaschen kommen.

Edit 09.02.2018; 12.45 Uhr

Das Gewicht

Das Gewicht spielt natürlich auch eine Rolle! Dabei haben die verbauten Teile (Schaltgruppe, Laufräder etc.), wie auch bei jedem anderen Rad, neben dem Rahmen natürlich einen großen Einfluss. Je leichter desto teurer ist da leider meist die Devise. Ich hätte gern ein Rad was maximal 12,5 kg wiegt. Inklusive Pizzarack, optionalem Nabendynamo und Beleuchtung. Damit wäre das Salsa Vaya schon raus, aber für dieses Rad würde ich vermutlich auch noch nach oben gehen. Denn am wichtigsten ist immer noch, das die Geometrie passt. Am Gewicht kann man immer noch später sparen.

So,und nun? Ich habe beschlossen, noch einen heißen Favoriten ins Rennen zu nehmen und bin nach Dresden gefahren… Doch dazu mehr im bald folgenden Blogpost!

Habt ihr dazu Anmerkungen oder Ergänzungen? Dann immer her damit in den Kommentaren!

9 Gedanken zu „Auf der Suche nach dem Gravelbike – Versuch einer Definition“

  1. Was wiegt denn das Veloheld IconX in der Basisversion? Ca. 10 kg? “Ab 9.3 kg” wird sich ja auf die maximal teure Variante beziehen.

    1. Das ist gut möglich und ist auch nur ein Richtwert. Durch den individuellen Aufbau, kann man das gar nicht pauschalisieren. Auch das, was ich gefahren bin, hat sich sehr leicht und sportiv angefühlt. Da war eine 1×11-er Rival verbau
      t. Es war auf jden Fall deutlich leichter, als z. B. das Salsa Vaya mit seinen ca. 12+kg.

      1. Fände ich auf jeden Fall noch in Ordnung, näher am normalen RR als am MTB (jedenfalls in der Preisklasse). Und es ist echt ein hübsches Rad. Habe mich allerdings auch gefragt, ob ich mit 1×11 glücklich würde. Am umgebauten 26″-Fully funktioniert 1×11 bei mir eher nicht so doll. Aber vielleicht liegt das auch nur an der MTB-typischen Übersetzung.

        Ich bin jedenfalls schon gespannt auf den Veloheld-Blogpost! 🙂

        1. Falls ich mich für ein veloheld entscheiden sollte, werde ich auch eher auf eine Zweifach-Schaltung setzen. Ganz klassisch vermutlich auf die Shimano 105er. Ich habe aufgrund meiner Tourenpläne da einfach lieber mehr Varianz.

  2. Sehr spannend, ich möchte auch unbedingt ein solches Rad haben – allerdings ist für mich die Hauptfrage: Was wiegt der neue Gaul? Und da ich in einem Berliner MFH im 4. Stock wohne, muss ich es rauf- und runtertragen können ohne anschließend zwei Tage zu schwächeln. Da ist 9kg die Grenze und das schafft leider (!) kein bezahlbares Stahlrad, die wohl eher in Deinem Blickfeld sind. Mein Favorit ist daher derzeit das Votec VRX Pro, mit sehr guter Ausstattung und ca. 8.4kg Gewicht bei 1799.- Euro. Leider ein Versenderrad, aber das zuvor präferierte Koga Allroad Comaro hat eine falsche Geometrie.. Ich bin jedenfalls gespannt welches Rad es bei Dir werden wird und würde mich über Detailangaben wie Preis und Gewicht freuen!

    1. das votec ist aber ein alurahmen mit carbongabel, das ist kein stahlrahmen.
      mit 9kg und stahlrahmen wirds wohl knapp mit 2500,– durchzukommen.

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