Manchmal sind es nur kleine Entscheidungen, die den Unterschied machen können und, die zu schnell getroffen werden müssen. Zu schnell, um richtig abwägen zu können. Zu schnell, um mögliche Konsequenzen abzuschätzen. An einem Sonntag Anfang Juni 2020 kam ich genau in so eine Situation und ich habe mich offenbar für die falsche Variante entschieden… Dieser Beitrag soll nicht unnötig dramatisieren, sondern viel mehr dient er für mich ein wenig zur Bewältigung des Unfalles, denn ich hatte – zur Verarbeitung für mich und zur Erklärung für euch, wie es mir nach dem Sturz ging und welche Folgen dieser für mich hatte. Wer mir auf Instagram folgt, hat dazu vielleicht schon etwas lesen können, nun möchte ich es aber auf meinem Blog noch einmal aufgreifen. Denn auch das kann leider zum (Radfahr-)Leben dazu gehören.

Ich hatte einen Unfall mit meinem Fahrrad – mehr oder weniger selbst verschuldet und glücklicherweise ohne Beteiligung weiterer Personen oder anderer Verkehrsteilnehmenden. Es war ein Sonntagmorgen und ich fuhr Richtung Norden raus aus der Stadt. Die sonst stark befahrene Straße mochte ich nicht sonderlich, aber es war nicht viel Verkehr am Sonntag und so konnte ich dort relativ zügig und ungestört fahren. Außerdem stellte dieser Weg die kürzeste Verbindung für mich dar und ich war verabredet und wollte nicht zu spät kommen. Kurz vor einer Kreuzung geschah es dann. Ursprünglich wollte ich auf der Straße bis zur vor mir liegenden Ampel radeln, wählte dann aber spontan den in diesem Fall riskanteren, doch laut Verkehrszeichen verpflichtenden Weg weg von der Straße rauf auf den benutzungspflichtigen Radweg daneben. Die Auffahrt von der Straße auf den Radweg kommt relativ abrupt nach einem Baum und direkt neben der Auffahrt steht eine Straßenlaterne. Das Schild selbst ist erst recht spät zu sehen und steht etwas weiter weg von der Straße. Ich würde die Wegführung als fragwürdig bezeichnen (gegebenenfalls sogar so, dass ich nach einer Meldemöglichkeit schauen werde).

Und dann war da eine Laterne…

Es hatte begonnen, leicht zu nieseln. Ich fuhr diese Strecke nicht zum ersten Mal und doch konnte ich mich nicht an dieses Schild erinnern. Meine Entscheidung fiel also in Sekundenbruchteilen und pro Verkehrsregel: Ich versuchte kurzfristig noch auf den Radweg zu fahren. Wie genau es dann passierte, kann ich nicht wirklich exakt wiedergeben. Meine Vermutung: Ich rutschte an der Bordsteinkante ein wenig weg, da ich zu spät eingebogen war, und bremste dann mit Rad und Knie an der Laterne, was schließlich meinen Sturz verursacht haben wird. So oder so ähnlich. Dabei stieß ich mir scheinbar auch den Kopf.

Ich fand mich auf dem Boden liegend wieder, das Fahrrad neben mir. Mein Knie tat weh und ich war etwas verwirrt darüber, wie das jetzt gerade geschehen war. Unsicherheit, Wut und leichter, unterdrückter Schmerz meldeten sich gleichzeitig in meiner Wahrnehmung. Ich hatte mich so auf den Tag gefreut, aufs unterwegs sein, auf die Menschen, die ich treffen wollte. Stattdessen lag ich auf dem harten Boden im Nieselregen und fluchte laut.

Scheinbar hatte ein Paar hinter mir den Unfall gesehen und sofort mit dem Auto gehalten, um mir zu helfen. Sollten sie einen Krankenwagen rufen? Ich verneinte zunächst. Quatsch, das ginge bestimmt gleich wieder.

Nächster Halt: Notaufnahme

Mir wurde gesagt, dass ich irgendwo am Ohr blutete. Ich hatte das selbst noch nicht bemerkt, nahm aber Helm und Kappe ab und betastete mein rechtes Ohr. Oh, ja da war Blut hinter dem Ohr. Irgendwie hörte es auch nicht auf, obwohl ich schnell ein Taschentuch darauf drückte. Scheinbar hatte ich dort Schnitte erlitten. Woher? Die Unsicherheit wuchs. Die beiden waren sehr nett und auf ein erneutes Nachfragen, ob sie einen Krankenwagen rufen sollten, bejahte ich schließlich. Mein Knie pochte so sehr, dass ich das Gefühl hatte, nicht mehr Radfahren zu können – nicht für die ca. 7 km nach Hause und sicherlich nicht für die geplante 80 km Radtour. Ich schaffte es noch eine Nachricht an meine Verabredung zu schicken und meinen Freund anzurufen, wobei ich doch etwas Probleme hatte, mich zu konzentrieren. Es benötigte mehrere Anläufe, bis ich schließlich die Nummer gefunden habe. Ich merkte zunächst kaum, wie die Tränen kamen. Warum weinte ich denn jetzt?

Und dann kam auch schon der Krankenwagen. Auch die Sanitäter*in waren sehr nett. Das Fahrrad durfte mit rein. Alles andere wäre auch sehr problematisch geworden – so ohne Schloss. Es hatte zum Glück nicht viel abbekommen. Der Lenker stand etwas schief und es gab ein paar Schrammen an den Schalthebeln.

Die Folgen & die Zeit der Ruhe

Das war es dann wohl. Keine Sonntagsausfahrt. Stattdessen Notaufnahme und eine Woche auf der Couch. Ich hatte wohl eine leichte Gehirnerschütterung mitgenommen. Denn mein Kopf schmerzte immer stärker und der Rest des Sonntags war mehr als unangenehm, auch wenn ich schon nach knapp zwei Stunden in der Notaufnahme nach Hause konnte. Die Folgen einer Gehirnerschütterung können sich auch erst ein paar Stunden später bemerkbar machen. So war es auch bei mir: Zu den Konzentrationsproblemen beim Benachrichtigen meiner Verabredung direkt nach dem Unfall, kamen später noch starke Kopfschmerzen hinzu und ein deutliches Unwohlsein. Ich war lichtempfindlich und fühlte mich am Wohlsten, wenn ich die Augen geschlossen halten konnte und es nicht allzu hell war.

Diese folgende Woche zu Hause war wichtig für meine Genesung – körperlich und auch mental. Denn ich war unsicher: Was kann ich jetzt machen, was nicht? Was ist zu viel? Ist das übertrieben? Doch im Grunde habe ich das gemacht, was mir am sinnvollsten schien: Ich habe versucht in mich zu horchen und ein paar Gänge runter geschaltet. Als ich auf meine IG Account teilte, was passiert ist, kamen so viele liebe Nachrichten, aber auch einige wertvolle Ratschläge und Tipps zu Seiten, wo ich mich weiter informieren konnte. Vielen, vielen Dank dafür!!!

Und an dieser Stelle auch gleich erwähnt: Ich habe meinen Smartphone Konsum sehr stark herunter geschraubt in dieser Zeit. Mein liebster Begleiter durch den Tag, was ein Hörbuch. Denn auch eins, zwei Tage nach dem Unfall empfand ich Bildschirmlicht noch als recht unangenehm und ich wollte meinem Hirn nicht so viel Stress zumuten. Viel Schlaf tat mir ebenfalls gut. Nach etwa einer Woche traute ich mir wieder mehr zu und irgendwann kam der Punkt, wo ich auch wieder aufs Rad wollte. Denn ich stellte irgendwann fest, dass Radfahren für mein Knie deutlich angenehmer als Laufen war.

Wunde lecken

Knapp 6 Wochen nach dem Unfall sind die beiden ohrlangen Schnitte größtenteils verheilt. Eine Narbe wird wohl hinter dem Ohr bleiben. Mein Knie ist noch immer nicht wieder hundertprozentig fit, aber ich spüre Tag für Tag, dass es besser wird. Beim Röntgen war damals nichts zu sehen gewesen. Aber es ist ein seitlicher Schmerz und wird eher durch Verkrampfung und Anspannung ausgelöst, als durch einfache Bewegung. Ich kann Radfahren. Das ist das Wichtigste ;-). Laufen geht fünf Wochen nach dem Unfall auch wieder normal. Im Großen und Ganzen war es sicherlich ein verhältnismäßig harmloser Sturz, aber folgenbezogen doch der Schlimmste, den ich bisher hatte. Der letzte, schwerere Radunfall war auf meiner Deutschlandtour geschehen und ebenfalls glimpflich, wenn auch schmerzhaft ausgegangen. Doch da hatte ich nicht so lange mit zu tun.

Ein paar Gedanken zum Unfall und zum Radfahren danach.

Ich wusste, es würde wichtig sein, wieder aufs Fahrrad zu steigen und Touren zu fahren. Nicht nur, um herauszufinden, ob es körperlich geht, sondern auch mental! Ich versuchte die Unsicherheit zu verdrängen, aber ich bemerkte, dass ich mich unwohl fühlte, wenn ich in der Stadt schneller fuhr. Seit dem Unfall war ich nicht mehr allein auf einer Tagestour gewesen. Auch nicht außerhalb von Berlin. Meine Stimmung war sehr schwer zu beschreiben. Ich fühlte mich motivationslos, obwohl ich mittlerweile wieder mit viel Spaß am Radfahren mit Freunden unterwegs gewesen war und kurze Touren gefahren bin. Jedoch nie allein. Schließlich wollte ich der Sache auf den Grund gehen und plante eine längere Solo-Fahrt und zwar an der Unfallstrecke vorbei.

Die erste Solo-Tour nach dem Unfall

Das Wetter war grandios. Ich hatte Lust unterwegs zu sein. Also brach ich mit meinen Gravelbike an einem Sonntagmorgen auf, um mich meinem “Problem” zu stellen. Und wäre am liebsten drei Mal wieder umgekehrt. Doch warum nur? Ich wollte doch Radfahren und draußen sein. Oder etwa doch nicht? Hatte ich mir zu viel vorgenommen? Als ich mich der Unfallstelle näherte, war da ein ganz mulmiges Gefühl. Ich fuhr langsamer und hielt schließlich an. Genau so hatte ich den Ort gar nicht in Erinnerung. Seltsam. Und dann fuhr ich weiter und raus aus der Stadt. Meine Gedanken kreisten. Noch immer war ich nicht ganz überzeugt, ob ich wirklich weiter fahren sollte. Doch im Gegensatz zur Woche davor, fühlte ich mich jetzt bereit dafür. Selbst, wenn ich den ganzen Tag unterwegs sein würde. Warum auch nicht?

Wieder auf dem Rad!

Und so rollte ich über Feldwege und durch wunderschöne Brandenburger Wälder, machte Fotos hier und da, fuhr vorbei an Seen und über schmale Pfade und feinste Schotterwege. Es gab zwei Stücken Kuchen zum Mittag und etwas mehr Asphalt auf dem Rückweg nach Berlin. Meine Waden spannten irgendwann. Ich spürte die aufkommende Erschöpfung. Diese wohlige Erschöpfung nach einem Tag in der Natur und in Bewegung. Dennoch entschied ich mich gegen den Wechsel vom Rad in die Bahn. Jetzt wollte ich weiterradeln, bis nach Hause. Und nach 79 km traf ich dort schließlich ein. Zufrieden. Müde. Und hungrig. Ein guter Tag. Hier sind noch ein paar Eindrücke…

Wer es genauer wissen möchte, wo ich lang gefahren bin, findet die Route auf Komoot.

Die erste Hälfte dieser Tour ist eine sehr gravel- und offroad-lastige Strecke. Wunderschön entlang der Karower Teiche, Liegnitzgraben und weiter vorbei am Liepnitzsee bis hin nach Biesenthal. Danach geht es entlang des Berlin-Usedom Radwegs nach Bernau. Von dort habe ich dieses Mal die straßenlastigere Variante als Rückweg nach Berlin gewählt. Schöner ist es aber entlang des Pankeradweges oder vorbei an Hobrechtsfelde.

7 Comments

  1. Sehr cooler Blog! Der Inhalt ist höchstens interessant und motivierend, denn immer kann was schief gehen, man muss sich nur danach wieder motivieren können! 🙂

  2. BTW …. sehr schöne Bilder!

    Du hast den Blick …. und eine gute Kamera 😉

    Grüsse – Chris

  3. Hallo Juliane,
    Gut, dass Du wieder obenauf dem Sattel bist. Ich selbst hatte einmal einen schweren Sturz mit Prellungen am gesamten Oberkörper und einem vollkommen zerstörtem Helm (komplett gebrochen an der Schädelbasis – der Helm, nicht die Basis) – von daher kann ich ein wenig mitreden: ziemlich sportlich von der Notaufnahme, Dich mit DEN Symptomen bereits nach 2 Stunden zu entlassen…..
    Mich haben sie damals fast 24 Stunden stationär eingewiesen, obwohl ich ausser den Prellungen (die allerdings für erhebliche Bewegungsunfähigkeit gesorgt hatten), eigentlich nichts hatte.
    Angst vor einer Gehirnblutung war damals die Begründung. Die kann wohl auch noch erhebliche Zeit nach dem Unfall auftreten und müsste dann sofort operativ behandelt werden.
    Nun – weder bei mir noch bei Dir ist es so gekommen – also alles gut. Glück gehabt. Bei mir hat es insgesamt noch ein Jahr gedauert, bis ich mich wieder unter allen Umständen – Wetter, Untergrund, Abhänge – auf dem Velo wohl gefühlt habe.
    Also gib Dir Zeit, falls ab und an noch einmal ein ungutes Gefühl aufkommen sollte – das kann normal sein und das geht auch wieder. Versprochen! 😉

  4. Ich bin die Tour heute gefahren und fand sie echt toll. erst die schönen Wald- und Schotterwege und der Rückweg wurde mit Asphalt und viel “Bergab”-Fahrten belohnt. Die Stelle mit der Laterne ist wirklich fragwürdig. Man ist irgendwie überrascht, dass man da jetzt so schnell reagieren und auf den Radweg muss.

    Am Liepnitzsee habe ich mich ein wenig verfahren, da ich noch keinen GPS-Computer habe und das Handy in der Trikotasche war. Also immer mal wieder anhalten, versuchen die Strecke zu merken und dann weiterfahren. War teilweise nervig. habe heute den Wahoo Eemnt Roam bestellt.

    Ich bin mit einem Trekking/XC Rad gefahren, was mir (glaube ich) am Liepnitzsee in die Karten gespielt hat. Da waren schon einige Wurzelpassagen dabei, die man mit breiteren Reifen fahren muss.

    Ende des Monats kommt mein 8bar Mitte Steel v2. Danke für den Tipp! War auf der Suche und habe bei dir gesehen, dass Stahl auch Nicht-Vintage geht! Habe Gary von 8bar auch gesagt, dass ich über deinen Blog darauf gekommen bin. Vielleicht hilft es ja was 🙂

    Dank deiner Tour hatte ich heute einen tollen Tag. Danke dir und weiter so!

    Chris

    • Hi Chris. Oh das freut mich zu lesen. Ich mag die Strecke auch sehr! Dann wünsche ich dir schonmal viel Freude mit dem neuen Rad und mit dem Wahoo: denn der ist zum einfachen Navigieren echt sehr angenehm.

  5. Helmut Folke Reply

    Hallo Radelmädchen,
    mein Radunfall liegt schon einige Zeit zurück. Er geschah im Jahr 2000. Mit meinem Rad befand ich mich auf einem abschüssigen straßenbegleitenden Radweg, als sich etwa 100 m vor mir eine Autotür in Richtung Radweg öffnete. Ein Mann stieg aus und war sehr schnell auf dem Radweg. Er wollte offenbar Altglas entsorgen. Mein Klingeln hörte er wohl nicht, da der Autoverkehr sehr laut war. Also wollte ich ausweichen und über eine Wiese fahren. Dabei sah ich zu spät, dass man dort einen lkeinen Steinbrocken als markanten Eckpunkt in der Erde eingebaut hatte. Diesen Stein striff ich wahrscheinlich mit dem Vorderrad und es kam zum Sturz.
    Als ich wieder zu mir kam lag ich auf der Intensivstation in der Klinik. Später hörte ich von Einblutungen in das Gehirn und dem Bruch der Querfortsätze an der Wirbelsäule ( L2- L5 ). Nach etwa zwei Wochen konnte ich die Klinik verlassen, war dann noch zwei Wochen vom Arzt krank geschrieben Zuhause. Dann konnte ich wieder arbeiten gehen.
    Über die ADFC – Versicherung konnte ich von der Unfallgegnerin ein Schmerzensgeld einklagen und habe dann auch 5000 DM bekommen.
    Gerade an diesem Tag hatte ich keinen Helm auf dem Kopf, dabei trage ich eigentlich immer einen. Als ich später wieder diese Strecke zur Arbeit fuhr, war es etwa ein Jahr lang sehr komisch immer über die von der Polizei mit gelber Fettkreide markierte Unfallstelle zu passieren. Auf dem Radweg waren meine Körperumrisse zu erkennen. Erst nach mehr als einem Jahr verblasste die Markierung und verschwand schließlich. Bei all dem habe ich viel Glück gehabt, und fahre immer noch gerne mit dem Rad. Bevorzugt Radreisen mit dem Trekkingrad und Packtaschen. Zum Beispiel nach Paris,Prag,Berlin , Kopenhagen, Wien oder auch mal über die Alpen zum Lago Maggiore.
    LG
    Helmut

  6. Hallo,

    erstmal vorne weg, schön, Dich wieder im Sattel zu sehen. Vielen Dank, dass Du Deine Empfindungen hier so offen beschreibst. Ich habe etwas ähnliches bei einer Radtour in Belgien erlebt. Tiefstehende Sonne und ein kleines, silbernes Gitter und plötzlich lag ich auf dem Boden, ohne recht zu wissen warum. Eine angebrochene Rippe und drei Wochen Ruhe waren das Ergebnis. Mir ging es ähnlich wie Dir. Danke also nochmal für diese Beitrag…

    Liebe Grüße, Martin

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